Verliebt, Sinnen-krank

Kaspar Stieler

1632

Dorinde hat mich erst gelehrt der edlen Freyheit anzusagen. Mir war kein Amor je geehrt, ein Spott der Venus göldner Wagen. Ich hielte vor ein Kinder-spiel der Liebenden verbuhltes Küssen, die Tugend, ein gelehrtes wissen war meines Lebens einigs Ziel.

Nachdehm der schwarzen Augen Straal, die Tracht und Anmuht der Dorinden mir meiner Sinnen Ruder stahl, weiß ich mich nicht in mir zu finden. Die Kunst-Lust, eine gesunder Raht ist in mir Blinden gantz verschwunden. O der unseelig-bösen Stunden, die mich durch Sie verführet hat.

Ich spüre, daß die Götter mich um dessentwegen fliehn und hassen: das weiß ich zwar, iedoch kan ich diß schlimme Thun nicht unterlassen. Was mir der Wolstand predigt ein, das hör′ ich an mit tauben Ohren, die Weißheit hat an mir verlohren. Ich muß, ich muß verdorben sein.

Was mir an Jungfern meist beliebt, haß′ ich und straff′ es an der Meinen: Das gröste, das mich iezt betrübt, das mir das Herze machet weinen, ist ihrer Keuschheit reine Zucht, von der sie nicht will abewanken, diß macht mir sorgliche Gedanken. Seht was die tolle Liebe sucht!

Der Tag wird mir zur finstren Nacht, die Nacht zur Marter, Furcht und Zagen, ja zu der Hölle selbst gemacht, so plagen mich die Liebes-Plagen. Die Nacht verschwindt, ich habe nicht ein einigs Blikkchen recht geschlaffen des Tages kann ich auch nichts schaffen, so bin ich auff die Lieb′ erpicht.

Ach helfft mir, helfft, wer helffen kan? Ich muß sonst heute noch erkalten, tragt mir Gefängnüß, Marter an, ich will es auß- ganz willig –halten. Kein Kreuz ist in der Welt so schweer, als sonder Gegen-Liebe lieben. Solt′ ich mich länger so betrüben, so wolt′ ich eh nicht leben mehr.

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Illustration zu Verliebt, Sinnen-krank

Interpretation

Das Gedicht "Verliebt, Sinnen-krank" von Kaspar Stieler handelt von einem Menschen, der durch die Liebe zur Verzweiflung getrieben wird. Anfangs war er ein Anhänger der Tugend und der Freiheit, aber durch die Schönheit einer Frau namens Dorinde verlor er seine Sinne und wurde von der Liebe gepackt. Er fühlt sich von den Göttern verlassen und hasst sich selbst für seine Gefühle, die er nicht kontrollieren kann. Er leidet unter der Keuschheit seiner Geliebten, die ihm keine Hoffnung auf Erfüllung gibt. Er kann weder Tag noch Nacht zur Ruhe kommen, da er nur an die Liebe denkt. Er bittet um Hilfe, um seiner Qual zu entkommen, oder um Strafe, um seine Schuld zu sühnen. Er sagt, dass es kein größeres Kreuz gibt, als ohne Gegenliebe zu lieben, und dass er lieber sterben würde, als sich weiter so zu quälen.

Schlüsselwörter

muß nacht kein einigs weiß kan diß will

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Was mir der Wolstand predigt ein
Hyperbel
Ich muß sonst heute noch erkalten
Kontrast
Der Tag wird mir zur finstren Nacht, die Nacht zur Marter, Furcht und Zagen
Metapher
Solt′ ich mich länger so betrüben, so wolt′ ich eh nicht leben mehr
Personifikation
die Tracht und Anmuht der Dorinden mir meiner Sinnen Ruder stahl
Wiederholung
Ich muß, ich muß verdorben sein