Verlaß Berlin

Heinrich Heine

1823

Verlaß Berlin, mit seinem dicken Sande Und dünnen Tee und überwitzgen Leuten, Die Gott und Welt, und was sie selbst bedeuten, Begriffen längst mit Hegelschem Verstande.

Komm mit nach Indien, nach dem Sonnenlande, Wo Ambrablüten ihren Duft verbreiten, Die Pilgerscharen nach dem Ganges schreiten, Andächtig und im weißen Festgewande.

Dort, wo die Palmen wehn, die Wellen blinken, Am heilgen Ufer Lotosblumen ragen Empor zu Indras Burg, der ewig blauen;

Dort will ich gläubig vor dir niedersinken, Und deine Füße drücken, und dir sagen: Madame! Sie sind die schönste aller Frauen!

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Illustration zu Verlaß Berlin

Interpretation

Das Gedicht "Verlaß Berlin" von Heinrich Heine ist eine lebendige Einladung an eine Dame, die Tristesse und intellektuelle Überheblichkeit Berlins hinter sich zu lassen und die exotische Schönheit Indiens zu erleben. Die Stadt wird als ein Ort beschrieben, der von "dickem Sande" und "dünnem Tee" geprägt ist, was auf eine Atmosphäre der Eintönigkeit und Banalität hindeutet. Die Bewohner Berlins werden als "überwitzne Leute" dargestellt, die sich in Hegelschem Verstande gefallen, was eine Kritik an der damaligen intellektuellen Szene und ihrer Selbstgefälligkeit impliziert. Die Einladung nach Indien wird als Flucht in ein Land der Sonne und der Schönheit präsentiert, wo "Ambrablüten ihren Duft verbreiten" und "Pilgerscharen nach dem Ganges schreiten". Dieses Indien ist ein Ort der Anbetung und der Tradition, wo die Menschen in "weißem Festgewande" ihre Andacht zeigen. Die Beschreibung der Palmen, die wehen, und der Wellen, die blinken, vermittelt ein Gefühl von Ruhe und natürlicher Pracht, das im krassen Gegensatz zur kargen Atmosphäre Berlins steht. Der letzte Teil des Gedichts führt die Dame an das "heilge Ufer", wo die "Lotosblumen" zu "Indras Burg" emporragen, was auf eine mythische und göttliche Dimension der Reise hindeutet. Der Sprecher verspricht, "gläubig vor dir niedersinken" und ihre Füße zu küssen, was eine Geste der Verehrung und des Dienens ist. Mit den Worten "Madame! Sie sind die schönste aller Frauen!" wird die Dame in den höchsten Tönen gelobt, was die romantische und idealisierte Natur der Einladung unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer Huldigung, die die Dame als Inbegriff der Schönheit und des Begehrens feiert.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
dicken Sande und dünnen Tee
Anspielung
mit Hegelschem Verstande
Bildsprache
Wo Ambrablüten ihren Duft verbreiten
Hyperbel
Sie sind die schönste aller Frauen
Kontrast
Verlaß Berlin... Komm mit nach Indien
Metapher
der ewig blauen
Personifikation
Die Pilgerscharen nach dem Ganges schreiten
Symbolik
Lotosblumen ragen Empor zu Indras Burg