Verklärte Nacht

Richard Dehmel

1885

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond läuft mit, sie schaun hinein. Der Mond läuft über hohe Eichen, kein Wölkchen trübt das Himmelslicht, in das die schwarzen Zacken reichen. Die Stimme eines Weibes spricht:

Ich trag ein Kind, und nit von dir, ich geh in Sünde neben dir. Ich hab mich schwer an mir vergangen; ich glaubte nicht mehr an ein Glück und hatte doch ein schwer Verlangen nach Lebensfrucht, nach Mutterglück und Pflicht - da hab ich mich erfrecht, da ließ ich schaudernd mein Geschlecht von einem fremden Mann umfangen und hab mich noch dafür gesegnet. Nun hat das Leben sich gerächt, nun bin ich dir, o dir begegnet.

Sie geht mit ungelenkem Schritt, sie schaut empor, der Mond läuft mit; ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht. Die Stimme eines Mannes spricht:

Das Kind, das du empfangen hast, sei deiner Seele keine Last, o sieh, wie klar das Weltall schimmert! Es ist ein Glanz um Alles her, du treibst mit mir auf kaltem Meer, doch eine eigne Wärme flimmert von dir in mich, von mir in dich; die wird das fremde Kind verklären, du wirst es mir, von mir gebären, du hast den Glanz in mich gebracht, du hast mich selbst zum Kind gemacht.

Er fasst sie um die starken Hüften, ihr Atem mischt sich in den Lüften, zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

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Illustration zu Verklärte Nacht

Interpretation

Das Gedicht "Verklärte Nacht" von Richard Dehmel erzählt die Geschichte zweier Menschen, die durch einen kahlen, kalten Hain gehen. Die Frau gesteht dem Mann, dass sie ein Kind von einem anderen Mann erwartet, und bekennt ihre Schuld und Sehnsucht nach Mutterglück. Der Mann nimmt das Kind an und verklärt es durch seine Liebe, indem er es als Teil ihrer gemeinsamen Wärme und Leidenschaft sieht. Er umarmt die Frau und beide gehen durch die helle Nacht, symbolisch für ihre erneuerte Verbindung und das überwundene Schuldgefühl. Die Atmosphäre des Gedichts ist von einem klaren, hellen Mondlicht geprägt, das die Kälte des Hains überstrahlt und die beiden Figuren in ein gemeinsames Licht taucht. Die Natur, insbesondere der kahle Hain und der Mond, spiegelt die emotionale Kälte und die spätere Erwärmung der Beziehung wider. Der Mond, der mit den beiden geht, symbolisiert die ständige Präsenz der Wahrheit und der Verklärung. Die Verklärung im Gedicht bezieht sich sowohl auf die Nacht als auch auf die Situation der beiden Menschen. Die Frau, die zuerst als Sünderin dargestellt wird, wird durch die Annahme und Liebe des Mannes erlöst und verklärt. Das Kind, das zuerst als Last und Sünde empfunden wird, wird durch die gemeinsame Leidenschaft und Wärme des Paares zu einem Symbol der Liebe und des Neuanfangs. Die Umarmung am Ende des Gedichts symbolisiert die Verschmelzung der beiden Seelen und die Überwindung der äußeren Umstände durch innere Einigkeit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Ihr Atem mischt sich in den Lüften
Kontrast
Du treibst mit mir auf kaltem Meer, doch eine eigne Wärme flimmert
Metapher
Du hast mich selbst zum Kind gemacht
Personifikation
Der Mond läuft mit