Verhör
1863Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen, und deine matten Lippen sind zerbissen; hattest du sehr viel Schmerz? - “Ich weiß nicht mehr.”
Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke, sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke: liebst du dein Kindchen sehr? “Ich weiß noch nicht.”
Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen, mit deinen irren Fingern meinen Namen auf deine Bettdecke? - “Du weißt es ja.”
Kannst du noch immer, ohne hinzudenken, dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken und mit mir selig sein? - “Weißt du das nicht?”
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Interpretation
Das Gedicht "Verhör" von Richard Dehmel ist ein intensives und bewegendes Werk, das die emotionale Zerrissenheit einer Frau nach der Geburt ihres Kindes darstellt. Die Fragen des Sprechers sind geprägt von einer Mischung aus Besorgnis, Neugier und vielleicht auch einem Hauch von Vorwurf. Die Antworten der Frau sind ausweichend und von einer tiefen Verwirrung und Trauer durchzogen. Das Gedicht vermittelt ein starkes Gefühl von Schmerz und Verlust, das durch die Verwendung von Farben wie "blass" und "weiß" verstärkt wird. Die Struktur des Gedichts, mit seinen kurzen, prägnanten Fragen und Antworten, erzeugt eine Atmosphäre der Dringlichkeit und Intimität. Der Sprecher scheint die Frau zu einem Geständnis oder einer Erklärung zu drängen, aber die Frau ist offensichtlich nicht in der Lage, klare Antworten zu geben. Ihre Antworten sind von einer Art geistiger Verwirrung geprägt, die durch die Geburt und die damit verbundenen körperlichen und emotionalen Schmerzen verursacht wurde. Das Gedicht endet mit einer Frage, die den Leser zum Nachdenken anregt: "Weißt du das nicht?" Diese Frage könnte als eine Art Anklage oder als ein Ausdruck der Frustration des Sprechers interpretiert werden. Es könnte auch als eine Anerkennung der Komplexität der Situation und der Schwierigkeit, die Gefühle der Frau zu verstehen, gesehen werden. Insgesamt ist "Verhör" ein tiefgründiges und bewegendes Gedicht, das die Leser zum Nachdenken über die Natur von Liebe, Schmerz und Verantwortung anregt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anspielung
- Die Frage nach dem Schreiben des Namens auf der Bettdecke deutet auf eine intime Verbindung hin, die der Sprecher kennt.
- Enjambement
- Die Zeilen laufen oft in die nächste über, ohne eine Pause, was den Fluss des Dialogs verstärkt.
- Frage-Antwort-Struktur
- Das Gedicht ist als ein Dialog in Form von Fragen und Antworten aufgebaut, was eine rhythmische und dialogische Struktur schafft.
- Ironie
- Die letzte Frage 'Weißt du das nicht?' spielt auf die erwartete Antwort an und impliziert, dass der Sprecher die Antwort bereits kennt.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen den fragenden und antwortenden Stimmen hebt die emotionale Spannung im Gedicht hervor.
- Wiederholung
- Die Wiederholung der Frage-Antwort-Struktur in jedem Strophenpaar verstärkt die rhythmische Qualität des Gedichts.