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Verhör

Von

Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen,
und deine matten Lippen sind zerbissen;
hattest du sehr viel Schmerz? –
„Ich weiß nicht mehr.“

Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke,
sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke:
liebst du dein Kindchen sehr?
„Ich weiß noch nicht.“

Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen,
mit deinen irren Fingern meinen Namen
auf deine Bettdecke? –
„Du weißt es ja.“

Kannst du noch immer, ohne hinzudenken,
dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken
und mit mir selig sein? –
„Weißt du das nicht?“

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Gedicht: Verhör von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Verhör“ von Richard Dehmel ist ein eindringliches Kammerspiel, das sich durch seine Reduziertheit und Intensität auszeichnet. Es ist ein Dialog, der aus kurzen, prägnanten Fragen und ebenso knappen Antworten besteht. Der Sprecher, vermutlich der Mann, befragt die Frau, die nach einer offenbar schweren Erfahrung, vielleicht einer Geburt mit Komplikationen oder einem anderen Trauma, entkräftet und verletzt im Bett liegt. Die Fragen sind dabei weniger von sachlichem Interesse getrieben, sondern eher Ausdruck von Misstrauen, Eifersucht und dem Wunsch nach Gewissheit über die Gefühle der Frau.

Die ersten beiden Strophen etablieren eine Atmosphäre der Distanz und des Unbehagens. Die Beschreibung der Frau – „Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen“ und „Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke“ – deutet auf Erschöpfung und einen Zustand der Abwesenheit hin. Die Antworten „Ich weiß nicht mehr“ und „Ich weiß noch nicht“ sind ausweichend und lassen auf eine gestörte emotionale Verbindung schließen. Sie lassen den Leser oder die Leserin im Unklaren über die Vergangenheit der Frau und die Beziehung zu ihrem Kind, wodurch eine Spannung erzeugt wird, die durch die folgenden Fragen noch verstärkt wird.

Die dritte Strophe enthüllt eine dunkle Seite der Beziehung. Die Frage nach dem Schreiben des Namens des Mannes während der Wehen deutet auf eine tiefe Verbundenheit, aber auch auf die Möglichkeit von Schmerz und Sehnsucht hin. Die Antwort „Du weißt es ja“ ist ein rhetorisches Geständnis, das die Vertrautheit und das Verständnis zwischen den beiden betont, aber auch die Macht des Mannes über die Frau impliziert. Dies bereitet den Boden für die abschließende, provokante Frage, die das Herzstück des Gedichts bildet.

Die letzte Strophe ist der Höhepunkt des Verhörs. Die Frage nach der Fähigkeit, den Vater des Kindes und das Kind selbst „ruchlos zu kränken“ und dennoch mit dem Sprecher „selig zu sein“ ist von Eifersucht, Besitzanspruch und der Bereitschaft des Sprechers, die Frau in eine Situation der Zerrissenheit zu treiben, geprägt. Die letzte Antwort „Weißt du das nicht?“ ist nicht nur ein weiteres Geständnis, sondern auch eine Anklage, die die Machtdynamik zwischen den beiden offenbart. Sie verdeutlicht die innige Bindung und die gleichzeitige Verletzlichkeit der Frau, die sich zwischen den Ansprüchen ihres Mannes und ihrem Kind hin- und hergerissen fühlt. Das Gedicht endet somit mit einem Gefühl der Beklemmung und der Ungewissheit, was die Zukunft dieser komplizierten Beziehung betrifft.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.