Vergleichende Erotik
1874So wird das Wunderbild der Venus fertig: Ich nehme hier ein Aug, dort einen Mund, hier eine Nase, dort der Brauen Rund. Es wird Vergangenes mir gegenwärtig.
Hier weht ein Duft, der längst verweht und weit, hier klingt ein Ton, der längst im Grab verklungen. Und leben wird durch meine Lebenszeit das Venusbild, das meinem Kopf entsprungen.
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Interpretation
Das Gedicht "Vergleichende Erotik" von Karl Kraus handelt von der Entstehung eines idealisierten Venusbildes im Geist des lyrischen Ichs. Dieses entsteht durch das Zusammenfügen verschiedener Schönheitsmerkmale aus unterschiedlichen Frauen, die das lyrische Ich im Laufe seines Lebens wahrgenommen hat. Das "Wunderbild der Venus" symbolisiert somit die Perfektion und die Synthese aller erotischen Erfahrungen. Im zweiten Teil des Gedichts wird deutlich, dass die Frauen, von denen die einzelnen Merkmale stammen, längst vergangen sind. Der "Duft" und der "Ton" stehen metaphorisch für die vergängliche Natur der erotischen Begegnungen und Erfahrungen. Doch durch das Schaffen des Venusbildes werden diese Erinnerungen wieder lebendig und erhalten eine Art Unsterblichkeit im Geist des lyrischen Ichs. Der letzte Teil des Gedichts betont die Beständigkeit und die zeitlose Natur des geschaffenen Venusbildes. Es wird leben "durch meine Lebenszeit" und ist somit ein dauerhaftes Kunstwerk, das aus den flüchtigen Eindrücken der Vergangenheit entstanden ist. Das Venusbild, das "meinem Kopf entsprungen" ist, repräsentiert die Macht der Phantasie und des künstlerischen Schaffens, die Vergänglichkeit zu überwinden und etwas Ewiges zu schaffen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Hier weht ein Duft, der längst verweht und weit
- Bildsprache
- Ich nehme hier ein Aug, dort einen Mund, hier eine Nase, dort der Brauen Rund
- Metapher
- Und leben wird durch meine Lebenszeit das Venusbild, das meinem Kopf entsprungen
- Personifikation
- Es wird Vergangenes mir gegenwärtig