Vergangenheit

Joseph Christian von Zedlitz

1790

Seh ich deine Schleier sich entfalten, Heil′ge Vorzeit, Weltbeglückerin, Seh′ ich, durch die Nebelhülle hin, Deiner Söhn′ ehrwürdige Gestalten,

Die im Glanze deiner Tage wallten, Ruhmgekrönt und hehr vorüberziehn; Horcht die Seele mit Begeistrungsglühn Tönen, die verklangen und verhallten:

Dann, vom Hauche deines Geist′s durchbebt, Fühl′ ich′s an dem frischbewegten Schlage Meines Herzens, jener schönen Tage

Götterbild, das hold vorüberschwebt, Ist der Freiheit Kind, und neu erhebt Um die Frühverschwundne sich die Klage.

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Illustration zu Vergangenheit

Interpretation

Das Gedicht "Vergangenheit" von Joseph Christian von Zedlitz beschreibt eine nostalgische Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und deren Helden. Der Sprecher betrachtet die Vergangenheit als eine "heilige Vorzeit", die die Welt beglückt hat. Er sieht die Gestalten der Söhne der Vergangenheit, die in ihrem Glanz und Ruhm vorüberziehen, und hört Töne, die längst verklungen sind. In der zweiten Strophe wird die emotionale Wirkung der Vergangenheit auf die Seele des Sprechers deutlich. Die Seele lauscht mit Begeisterung den verhallten Tönen und wird vom Hauch des Geistes der Vergangenheit durchbebt. Der Sprecher fühlt an seinem frischbewegten Herzen die Göttlichkeit dieser schönen Tage. Die letzte Strophe offenbart die Identität der "Götterbild"-Gestalt, die vorübergeschwebt ist: Sie ist das Kind der Freiheit. Der Sprecher erhebt nun eine Klage um die Frühverschwundene, was darauf hindeutet, dass die Freiheit in der Gegenwart verloren gegangen ist und nur noch in der Vergangenheit zu finden war. Das Gedicht endet somit mit einem melancholischen Ton, der die Sehnsucht nach einer vergangenen Ära der Freiheit und Größe zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Vergangenheit

Stilmittel

Alliteration
deiner Söhn′ ehrwürdige Gestalten
Bildsprache
durch die Nebelhülle hin
Hyperbel
Weltbeglückerin
Metapher
Freiheit Kind
Personifikation
Heil′ge Vorzeit, Weltbeglückerin