Verfall
1909Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten, Folg ich der Vögel wundervollen Flügen, Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen, Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.
Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten Träum ich nach ihren helleren Geschicken Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken. So folg ich über Wolken ihren Fahrten.
Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern. Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen. Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,
Indes wie blasser Kinder Todesreigen Um dunkle Brunnenränder, die verwittern, Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.
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Interpretation
Das Gedicht "Verfall" von Georg Trakl ist ein eindringliches Werk, das die Vergänglichkeit des Lebens und die damit verbundene Melancholie thematisiert. Trakl verwendet dabei eine reiche Bildersprache, die den Leser in eine Atmosphäre des Verfalls und der Vergänglichkeit eintauchen lässt. Im ersten Teil des Gedichts beschreibt Trakl eine Szene am Abend, in der er den Vögeln bei ihrem Flug folgt. Die Vögel werden hier als "fromme Pilger" dargestellt, die sich in den "herbstlich klaren Weiten" verlieren. Dieses Bild könnte als Metapher für den Lebensweg und das Streben nach höheren Zielen interpretiert werden, das letztendlich im Tod endet. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Stimmung düsterer. Ein Hauch von Verfall lässt den Sprecher erzittern, während die Amsel in den entlaubten Zweigen klagt. Die Bilder von rostigen Gittern und verwitternden Brunnenrändern verstärken das Gefühl des Verfalls und der Vergänglichkeit. Die "blassen Kinder" im "Todesreigen" und die "fröstelnd blaue Astern" unterstreichen die Melancholie und das Gefühl des bevorstehenden Winters, der als Symbol für den Tod steht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wenn die Glocken Frieden läuten
- Bildsprache
- Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern
- Metapher
- Folg ich der Vögel wundervollen Flügen
- Personifikation
- Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen
- Rhythmus
- So folg ich über Wolken ihren Fahrten
- Symbolik
- Um dunkle Brunnenränder, die verwittern
- Vergleich
- Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen