Verdammte Jugend
unknownVon Hause fort, durch Straßen fort! Gekannt von nichts, von keinem Ort, Nur wie der Himmel rasch und hoch Durch fremden Lärm und ohne Wort! Wie schön allein, und dies verwühlt Und keiner drin, der mich befühlt, Der voll Verwandtschaft dumm und dicht In meiner Brust verhasst sich sühlt! Hier ist nicht Heim, hier ist es auf, Nicht Liebe plump, nur Kampf und Kauf! Ah fließt die Straße strotzend aus Zu andern ein in riesigem Lauf! Ah sprüht es schroff pferdlos vorbei Und brodelt schwarz der Menge Brei Und Häuser flattern hingepeitscht Von Licht, Geläut, Gezisch, Geschrei. Die Steine ziehn in falscher Ruh, Gehackt vom Schlag des Heers der Schuh, Den fahlen Köpfen funkeln wund Von schneller Glut die Lampen zu. Hier Antlitze wie Tiere fremd Und Augen wie in Eis geklemmt Und Augen, die nur sich besehn, Hier Antlitze, von nichts gehemmt! Du Gottlose, mein Haupt zerstäub - Entmenschlichte, mein Herz zerstäub - Vergriffnen mich, Verlorenen Du Straße ja betäub! betäub!
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Interpretation
Das Gedicht "Verdammte Jugend" von Alfred Wolfenstein schildert die Erfahrung eines jungen Menschen, der aus seinem vertrauten Zuhause ausbricht und sich in einer fremden, urbanen Welt wiederfindet. Die Stadt wird als ein Ort des Chaos und der Entfremdung dargestellt, wo der Protagonist von "Nichts" und "keinem Ort" gekannt wird. Die Metapher des Himmels, der "rasch und hoch" durch den Lärm zieht, unterstreicht die Schnelligkeit und Unpersönlichkeit des städtischen Lebens. Die Stadt wird als ein Ort der Entwurzelung und Entfremdung beschrieben, wo der Protagonist sich einsam und unverstanden fühlt. Die "fremden Antlitze" und "Augen, die nur sich besehn" verdeutlichen die Anonymität und die fehlende menschliche Verbindung in der Großstadt. Die Bilder von "Pferdlos" vorbeifahrendem und "schwarz brodelndem" Menschenbrei verstärken den Eindruck von einer entmenschlichten, mechanisierten Welt. Das Gedicht endet mit einem verzweifelten Appell an die Straße, den Protagonisten zu betäuben und zu zerstäuben. Dies kann als Ausdruck der Überforderung und der Sehnsucht nach Erlösung von der harten Realität der Großstadt interpretiert werden. Die Wiederholung des Wortes "betäub" am Ende des Gedichts unterstreicht die Intensität dieses Wunsches und die tiefe Verzweiflung des lyrischen Ichs.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Du Straße ja betäub! betäub!
- Anapher
- Hier Antlitze, von nichts gehemmt
- Enjambement
- Du Gottlose, mein Haupt zerstäub - Entmenschlichte, mein Herz zerstäub -
- Metapher
- Und Augen wie in Eis geklemmt
- Personifikation
- Den fahlen Köpfen funkeln wund
- Reim
- zerstäub - zerstäub