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Venus Regina

Von

Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume;
ich träumte, eine Fürstin sei gestorben.
Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge
von Trauernden, so stehn wir auserwählt
in einem grauen Räume, dumpf beengt
vom düstem Kreis der alten Sandsteinsäulen,
vom Balsamdufte, den die Tote atmet.
Am Sarkophage, der von Eisen ist,
steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt
ein fahles Licht in die Rotunde, streift
sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert
zu seinen Füßen in der offnen Gruft.
Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam,
zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe;
der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein.
Und auf der Truhe les ich wie im Traum,
nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich
in großen, grauen, eisernen Buchstaben:
REGINA SEMPITERNA MORTUA –
seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt,
die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl:
der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt!
Ich höre staunend, wie wir alle singen,
ich selbst mitsingend:

Selig trauern
Edle um ein edles Leben.
Nie verliert sich, was gewesen;
wenn du deines Grams genesen,
wird in Sehnsucht, wird in Schauern
dir dein Wesen
das Verlerne wiedergeben.

Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet;
er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja:
ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser,
im Krönungskleide steht er. Nein: es ist:
ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund,
mein einst in Lumpen umgekommener Freund,
in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser – nein:
ich träume nicht: ich selbst. Ich bin der Fürst.
Ich winke. Meine Edeln nahn und heben
und senken mir mein Liebstes in die Gruft.
Ich höre die gestrafften Seile gleiten,
ich stehe abgewandt, ich weine nicht;
nur selbst mit Hand anlegen könnt ich nicht,
nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft
nicht riechen mehr – o singt! singt mir das Lied,
ich mag dies marternde Geräusch nicht hören,
ich will nicht schluchzen! Und im Chore schluchz ich,
schluchzt das Gewölbe:

Selig preisen
Freie ein befreites Wesen.
Was lebendig ist, will leben;
lerne mit den Geistern schweben!
Wenn sie dich aus deinen Kreisen
mit sich heben,
bist du deines Grams genesen.

Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt
nach Licht. Und während hinter mir gedämpft
die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie –
taumle -: der blaue Mittagshimmel drückt mir
blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein
vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr,
der Atem stockt mir, ich erinnre mich,
ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk,
ich habe gestern ein Edikt erlassen
„Mein Volk soll fröhlich seine Toten ehren“,
so wollte sie′s – und wieder stürmt der Jubel.
Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet,
vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt,
ein weiter Park von Linden unter mir.
Ich steige nieder. Durch das schwärzliche
Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl,
flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben
scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch
bewegt die warme Luft und macht sie köstlich.
Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig –
nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders,
ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt
zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne:
sie fassen, sie verlassen sich im Reigen,
im Reigen reichen sie die Blütenzweige
sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich:
sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen
ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier
durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke
schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken
zartzarte Flügel wie von märchengroßen
Tagschmetterlingen oder Blumenblättern;
und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz,
wer braun ist, feuerroten – nirgends Schwarz.
So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige
und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau
und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich,
und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen
sprudelt ein Brunnen, den ein Schwärm von Mädchen
singend umwandelt:

Tröstliche Lüste
halten im Tode Leben verborgen.
Wissen macht Sorgen.
Wenn er sich drückte an meine Brüste,
wenn er mich küßte,
wußten wir nichts von gestern und morgen.

Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme
strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten
Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam:
von Schar zu Schar beschau ich mir mein Volk:
es sind nur jugendliche Menschen da.
Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz:
auch für die Alten ist doch Frühling! Aber
die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben;
sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben,
sie kennen nicht mein kaiserliches Herz.
Oh, meine Jünglinge, singt lauter! ihr,
ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau –
o lauter! Und das Laub der Linden bebt
vom Chor der Männer:

Lust ist Verschwenden,
leben heißt lachen mit blutenden Wunden,
Jahre sind Stunden!
Wenn sie an deinen beseligten Lenden
schien zu verenden,
hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!

Und immer wärmender wird ihr Geleucht,
und immer drückender mein Krönungskleid,
es brennt mich schon, ich werde rasten müssen;
ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt
das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen;
die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos.
Die Bäume werden dichter, werden Wald;
ich komme in ein Tal voll alter Birken,
ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel
nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her,
kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad
murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal
und biegt um einen Vorsprung, und der Quell
zerrieselt im Geröll zu Silberfäden,
die wie ein Lied – nein: eine Stimme klingt –
das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinken unten,
die Birken streun bewegte Schatten drauf,
ein Brückensteg – und am Geländer lehnen
von Sonnenlichtem überdämmen zwei
der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde
ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche,
ich bebe – träum ich denn? – sie sieht mich. Beide
sehn mich und singen:

Warum beben?
Nur im Herzen ist es dunkel.
Was die Tiefen uns gegeben,
auszuleben,
mahnt des Baches Quellgefunkel.

Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben!
und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr!
Du aber. Du da mit den Himmelsfarben,
du hast die Stimme Meiner Lieben Frau,
du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! –
Ja, sie erwanet mich: sie winkt, sie kommt.
Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste
zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer.
Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen
ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm,
ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern.
Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht
der Flügel Himmelsblau und Höllenrot.
Schon kann ich ihre Augenlichter sehn;
und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir
der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen,
denn Du da, Du da mit den braunen Augen,
du hast die Augen Unsrer Lieben Frau,
du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! –
Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt;
sie bleiben stehn, sie winken mich heran;
hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon.
Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer.
In meinem Krönungskleide breit ich ihnen
die Arme nach; ihr helles Lachen klingt.
Sie stehn und singen:

Kannst du schweben?
Aus dem Tal der Einsamkeiten,
wo die Kräfte sich erheben,
lockt das Leben
heim zum Wettspiel die befreiten.

Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen,
wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest.
Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen
im Gehn ihr Haar damit – o bleibt doch! wartet!
ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz!
die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid,
mein schweres Krönungskleid, o wartet doch,
ich werf es ab! da liegt es! O wie leicht
atmet der nackte Mensch! – Das Wasser schäumt mir
um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich
erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.

Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich
bin auch beflügelt. Sausend, doppelfarbig,
aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt,
treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu:
ich halte sie. Ich – Beide muß ich haben:
dich mit den braunen Augen will ich noch!
Jetzt! – Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen.
Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe
begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen
tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen.
Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen – ja:
hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar – und jetzt:
ich halte Beide . . . ach … ich bin erwacht.

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Gedicht: Venus Regina von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Venus Regina“ von Richard Dehmel ist eine komplexe, vielschichtige Traumsequenz, die von Verlust, Trauer, Wiedergeburt und erotischer Sehnsucht durchzogen ist. Das Gedicht beginnt mit der Vision des lyrischen Ichs, das sich in einer Trauerprozession für eine verstorbene Fürstin befindet. Diese erste Szene ist von Schwere und dem Gefühl der Endlichkeit geprägt, welches durch die Metaphern des Sarges, der dunklen Halle und des Balsamduftes vermittelt wird. Der Tod der Herrscherin wird durch das Gedenken an die Ewigkeit konterkariert, was auf ein paradoxes Thema des Gedichts hindeutet: das Leben im Tod, oder besser gesagt, die Transformation durch den Tod.

Nach der Trauer und dem Gefühl des Verlusts folgt eine radikale Transformation. Das lyrische Ich, nun ein Kaiser, erlebt in einem Traum einen Frühling, der von Sinnlichkeit, Jugend und dem Kult der Sinnlichkeit dominiert wird. In dieser Welt, in der ein unbeschwertes Leben ohne die Last der Vergangenheit und die Angst vor dem Tod im Mittelpunkt steht, tanzen nackte Menschen, und der Frühling wird als triumphale Feier des Lebens und der Sinnlichkeit inszeniert. Das lyrische Ich, als Kaiser, genießt diese Welt, sieht jedoch auch die Schattenseiten, nämlich die Abwesenheit der alten Generation, die sich nicht von den Festlichkeiten anstecken lässt. Es wird deutlich, dass dieser Abschnitt des Gedichts ein Bekenntnis zur Jugend und zum Lebensgefühl der Moderne darstellt, das auch in dem Gedicht reflektiert wird.

Die Traumreise führt das lyrische Ich in eine abgelegene Schlucht, in der es auf zwei junge Frauen trifft, die die Attribute der verstorbenen Fürstin tragen. Diese Frauen werden zur Inkarnation der Sehnsucht und des Verlangens, die das lyrische Ich in einen Zustand der Ekstase versetzen. Die Verfolgung der Frauen durch das Wasser und die anschließende Verwandlung des lyrischen Ichs in einen beflügelten Wesen deuten auf einen Weg der Befreiung und der Vereinigung hin. Dieser Weg führt zu einer intensiven Erfahrung der Sinne und der Auflösung der Grenzen zwischen Ich und Du.

Der Schluss des Gedichts markiert eine weitere Wendung: Das lyrische Ich erwacht aus dem Traum. Der Traum selbst, mit all seinen Bildern der Sinnlichkeit, der Transformation und der Vereinigung, wird als etwas Vergangenes entlarvt. Das Gedicht hinterlässt ein Gefühl der Ambivalenz, denn obwohl die Verwirklichung des Traums verwehrt bleibt, bleibt die Erinnerung an die Erfahrungen, die im Traum gesammelt wurden. Der Traum selbst wird zur Metapher für die Suche nach Sinn und Glück, die in der Vereinigung von Leben und Tod, von Erinnerung und Hoffnung, von Sinnlichkeit und Transzendenz besteht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.