Venus Primitiva

Richard Dehmel

1893

O daß der Kuß doch ewig dauern möchte - starr stand, wie Binsen starr, der Schwärm der Gäste o der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte, tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!

Nein, länger duld ich nicht dies blöde Sehnen, ich will nicht länger in verzücktem Harme die liebekranken Glieder nächtens dehnen; o komm, du Weib! - Weib! betteln meine Arme.

O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn, vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide; noch wogt um mich, du Flammenkönigin, und glüht im Aschenflor die Kupferseide.

Gieß aus in mich die Schale deiner Glut! Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen vor dieses Feuerregens wilder Brut, von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen!

Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schoß, die lange schmachtend lag in spröder Hülle; ich will mich lauter blühn, lauter und los aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle!

Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust. Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust! Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale.

Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen; o kämst auch Du so süß und so verstohlen, so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen, auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen

will ich dich betten - oh - dich an mich betten, daß alle meine Mächte an des Weibes blendenden Göttlichkeiten sich entketten, hinschwellend in den Teppich deines Leibes.

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Illustration zu Venus Primitiva

Interpretation

Das Gedicht "Venus Primitiva" von Richard Dehmel beschreibt die intensive Sehnsucht des lyrischen Ichs nach einer Frau, die es als Verkörperung der Venus, der Göttin der Liebe, verehrt. Die erste Strophe setzt den Ton mit einem Kuss, der ewig dauern soll, und dem Wunsch, die Frau in einem Tanzrausch zu umarmen. Das lyrische Ich ist von seiner Leidenschaft überwältigt und sehnt sich danach, sich in ihr zu verlieren. In der zweiten Strophe wird die Ungeduld des lyrischen Ichs deutlich. Es kann die Sehnsucht nicht länger ertragen und ruft die Frau mit einem verzweifelten "O komm, du Weib!" herbei. Die Sinne sind noch immer von ihrem Duft und ihrer Anwesenheit erfüllt, und das lyrische Ich beschreibt sie als "Flammenkönigin", deren "Kupferseide" im Aschenflor glüht. Die Leidenschaft wird als ein Feuer dargestellt, das befreiend und zerstörerisch zugleich ist. In der dritten Strophe bittet das lyrische Ich die Frau, ihre Glut in ihn zu gießen und ihn von der Angst vor der wilden Brut des Feuerregens zu befreien. Die Saat, die lange in ihrer dunklen Hülle schmachtete, soll nun aufblühen und Frucht tragen. Das lyrische Ich ist satt seiner "Knabenlust" und sehnt sich nach der Erfüllung, die nur die Frau ihm geben kann. Die Nacht kommt auf Nelkendüften gezogen, und das lyrische Ich wünscht sich, die Frau so süß und heimlich wie der Mond zu empfangen. Es will sie auf einem Bett aus Samt, Purpur und schwarzen Veilchen empfangen und sich in den blendenden Göttlichkeiten des Weibes verlieren, das sich in den Teppich ihres Leibes ergießt.

Schlüsselwörter

komm will weib kuß ewig starr länger schale

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Stilmittel

Hyperbel
O daß der Kuß doch ewig dauern möchte
Metapher
hinschwellend in den Teppich deines Leibes
Personifikation
von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen