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Venus Primitiva

Von

O daß der Kuß doch ewig dauern möchte
– starr stand, wie Binsen starr, der Schwärm der Gäste o
der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte,
tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!

Nein, länger duld ich nicht dies blöde Sehnen,
ich will nicht länger in verzücktem Harme
die liebekranken Glieder nächtens dehnen;
o komm, du Weib! – Weib! betteln meine Arme.

O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide;
noch wogt um mich, du Flammenkönigin,
und glüht im Aschenflor die Kupferseide.

Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen
vor dieses Feuerregens wilder Brut,
von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen!

Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schoß,
die lange schmachtend lag in spröder Hülle;
ich will mich lauter blühn, lauter und los
aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle!

Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust.
Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale
die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust!
Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale.

Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen;
o kämst auch Du so süß und so verstohlen,
so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen,
auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen

will ich dich betten – oh – dich an mich betten,
daß alle meine Mächte an des Weibes
blendenden Göttlichkeiten sich entketten,
hinschwellend in den Teppich deines Leibes.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Venus Primitiva von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Venus Primitiva“ von Richard Dehmel ist eine leidenschaftliche und direkt adressierte Liebeserklärung, die sich durch eine ungestüme Sehnsucht und das Verlangen nach körperlicher Vereinigung auszeichnet. Es offenbart die innere Zerrissenheit des Sprechers zwischen der kindlichen Lust und dem Drang nach einer erfüllten, sinnlichen Liebe, die er in der Frau, der „Venus Primitiva“, zu finden hofft. Das Gedicht ist eine Anrufung an die Geliebte, die er herbeisehnt, um seine Sehnsucht zu stillen und zu einer höheren Form der Erfüllung zu gelangen.

Dehmels Sprache ist von einer intensiven Emotionalität geprägt. Die Verse sind reich an Bildern und Metaphern, die das Feuer der Leidenschaft, die Hingabe und die Ekstase der Vereinigung beschreiben. Die Verwendung von Wörtern wie „zitternd“, „berauscht“, „Glut“, „Brünstigkeit“ und „Göttlichkeiten“ verstärkt den Eindruck einer überwältigenden und alles verzehrenden Liebe. Der Sprecher sehnt sich nach einer Befreiung von seinem jugendlichen Verlangen, nach einem Eintritt in eine neue, reifere Sphäre, die durch die Verbindung mit der Frau erreicht werden soll. Er möchte sich von der „Sünde“ und dem „Grauen“ befreien, was auf eine gewisse Unreife oder moralische Zwänge hindeutet, die er hinter sich lassen will.

Das Gedicht ist in sechs Strophen unterteilt, die jeweils einen Aspekt der Sehnsucht und des Begehrens des Sprechers hervorheben. In der ersten Strophe wird der Wunsch nach Ewigkeit im Kuss ausgedrückt, was die Intensität des Gefühls unterstreicht. Die folgenden Strophen steigern sich in der Beschreibung des Verlangens, des Wunsches nach Verschmelzung und der Anrufung an die Geliebte, die er als Flammenkönigin und Inbegriff des Weiblichen betrachtet. Er möchte in die „Schale“ der Frau eingehen und sich von seiner „Knabenlust“ befreien. Das Gedicht gipfelt in der Vision des Liebesaktes, der durch die sinnlichen Bilder von Samt, Purpur und Violen weiter verstärkt wird.

Die „Venus Primitiva“ steht für die urweibliche Kraft und die Erfüllung, die der Sprecher in der körperlichen Vereinigung sucht. Sie wird als erlösende Kraft dargestellt, die den Sprecher von seinen inneren Konflikten befreien und ihm zu einer tieferen, ganzheitlichen Erfahrung verhelfen kann. Die Betonung der körperlichen Vereinigung und die fast religiöse Anrufung der Geliebten weisen auf eine romantische Vorstellung von Liebe hin, die sowohl sinnlich als auch metaphysisch ist. Der Sprecher strebt nach einem Zustand der Ekstase und Ganzheit, der nur durch die Verschmelzung mit der Frau erreicht werden kann.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.