Venus Perversa
1863Dort sitz nieder! sieben Kreuze zwischen uns! und gönn mir′s: sei nicht Tier! Sondern ich suche andere Reize: Dich: komm, liebe dich vor mir!
Dich nur. Dich! nur deine verschmachtenden Blicke und deine zuckende Scham und deine scheuen Seufzer gönn mir - ja, entzücke mich mit Deinen Rasereien!
O du, wenn die Knospen deiner welken Brüste unter deinen tastenden Fingern wieder schwellen wie in Jüngern Nächten - oh, dies Schwelgen -
gönn mir′s, gönn mir′s! Meine eigenen Freuden sind mir Schaum, der bitter ist - aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst, will ich mich an Deiner Wildheit weiden:
wie du gleich enttäuschten Bräuten deine einsame Sehnsucht stilltest, deine heimlichen Seligkeiten mit berauschten Händen fühltest -
fühlst - stillst - - Seele, bricht dein Blick? O du, laß mich diesen Blick genießen! dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen! recke dich nicht so starr zurück -
Ekelt dich? - Ah -: witterst du nun den reifen Menschen? bist du satt der Kuhnatur?! - Und wir schaudern: wir begreifen den Triumph der Unnatur.
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Interpretation
Das Gedicht "Venus Perversa" von Richard Dehmel thematisiert eine unkonventionelle und provokante Form der Liebe und Begierde. Der Sprecher fordert den Gegenüber auf, sich ihm zu öffnen und sich ihm hinzugeben, ohne tierisch oder instinktgesteuert zu sein. Stattdessen sucht er nach einer tieferen, vielleicht sogar perversen Verbindung, die über die herkömmlichen Vorstellungen von Liebe hinausgeht. Die zweite Strophe betont die Intensität der gewünschten Begegnung, in der der Sprecher die verschmachtenden Blicke, die zuckende Scham und die scheuen Seufzer des Gegenübers genießen möchte. Er sehnt sich danach, von den Rasereien des anderen entzückt zu werden, was auf eine leidenschaftliche und möglicherweise extreme Form der Lust hindeutet. Die Wiederbelebung der welken Brüste symbolisiert eine Rückkehr zur Jugend und Vitalität, die der Sprecher als Schwelgen empfindet. Im weiteren Verlauf des Gedichts beschreibt der Sprecher, wie er sich an der Wildheit des Gegenübers weiden möchte, ähnlich wie enttäuschte Bräute ihre einsame Sehnsucht stillen. Die letzten Strophen deuten auf eine Art von Ekstase und Verständnis für die "Unnatur" hin, die beide Partner in diesem Moment erleben. Der Triumph der Unnatur könnte als Akzeptanz und Feier der Abweichung von der Norm verstanden werden, was die tiefe Verbundenheit und das geteilte Verständnis zwischen den beiden Personen unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- deine heimlichen Seligkeiten mit berauschten Händen fühltest
- Anapher
- Dich nur. Dich! nur deine verschmachtenden Blicke und deine zuckende Scham und deine scheuen Seufzer
- Apostrophe
- Dort sitz nieder!
- Bildsprache
- wie du gleich enttäuschten Bräuten deine einsame Sehnsucht stilltest
- Enjambement
- O du, wenn die Knospen deiner welken / Brüste unter deinen tastenden Fingern / wieder schwellen wie in Jüngern / Nächten - oh, dies Schwelgen -
- Hyperbel
- wir schaudern: wir begreifen den Triumph der Unnatur
- Metapher
- sieben Kreuze zwischen uns
- Personifikation
- Menschen
- Rhetorische Frage
- Ekelt dich? - Ah -: witterst du nun den reifen Menschen? bist du satt der Kuhnatur?!