Venus Pandemos

Richard Dehmel

1863

Das war das letzte Mal. Im Nachtcafe der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch der schwülen Sofapolster und des Punsches, der vor mir glühte, und vom Frauendunst der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.

Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen und derer, die drum warben. Das Gerassel der Alfenide-Löffel am Büffet ermunterte den Lärm des Liebesmarktes, ununterbrochen, wie ein Tamburin. Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend, und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters, der drüber hing, sich mühsam mit den Farben auf den Gesichtern um die Marmortische in seiner gelben Sprache unterhielt; wozu der schwarze Marmor blank auflachte.

Ich war schon bei der Wahl - da teilte sich die rote Türgardine neben mir: ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte; die Beiden schritten ruhig durch den Schwärm. Mir grade gegenüber, quer am Ende des Ganges, als beherrschten sie den Saal, nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter hing über ihnen wie ein schwerer alter Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen. Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen: “Bejejent muß ik die woll schon wo sein.”

Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne, die wachsbleich an die schwachen Haare stieß. Die großen blassen Augenlider waren tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag ihr Schatten um die eingeknickte Nase; der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen. Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin ihm kichernd einen Satz zuzischelte, sah man sein eines schwarzes Auge halb und drehte sich sein langer dünner Hals, langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch, wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.

Es wurde immer stiller durch den Raum; sie blickten alle auf den stummen Mann und auf das sonderbar geduckte Weib. “Sie ist ganz jung” - war um mich her ein Flüstern; auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind. Doch schien sie mir fast alt, sooft die Zunge durch eine Lücke ihrer trüben Zähne spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während ihr grauer Blick den Saal belauerte; das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.

Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt; ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor. Sie ging; er folgte automatisch nach. Die rote Türgardine tat sich zu, der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze, doch fluchte Keiner; und mir schauderte.

Ich blieb für mich - ich kannte sie auf einmal: es war die Wollustseuche und der Tod.

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Illustration zu Venus Pandemos

Interpretation

Das Gedicht "Venus Pandemos" von Richard Dehmel beschreibt eine Szene in einem Nachtcafé, in der der Erzähler müde und lüstern auf die bunte Gesellschaft blickt. Die Atmosphäre ist erfüllt von Lärm, Gelächter und dem Geruch von Tabak und Alkohol. Der Erzähler beobachtet die Gesichter und Gespräche der Anwesenden, die sich um Liebe und Sex drehen. Plötzlich betritt ein ungewöhnliches Paar den Raum: ein blasser, kränklicher Mann mit dünnem Bart und eine kleinere Frau mit grauem Blick und schiefen Zähnen. Sie wirken geheimnisvoll und ziehen die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf sich. Die Frau trinkt Milch wie ein Kind, doch ihr Blick verrät eine gewisse Altersschwere. Sie flüstert dem Mann etwas zu, der langsam seinen Hals bewegt. Die Atmosphäre wird stiller, als das Paar sich erhebt und den Raum verlässt. Der Erzähler bleibt zurück und erkennt plötzlich, wer die beiden wirklich sind: die Wollustseuche und der Tod. Das Gedicht endet mit einem Schaudern des Erzählers angesichts dieser Erkenntnis.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Wollustseuche und der Tod
Personifikation
sich mühsam mit den Farben unterhielt
Vergleich
wie ein Geier nach dem Aas ruckt