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Venus Pandemos

Von

Das war das letzte Mal. Im Nachtcafe
der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch
der schwülen Sofapolster und des Punsches,
der vor mir glühte, und vom Frauendunst
der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.

Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
und derer, die drum warben. Das Gerassel
der Alfenide-Löffel am Büffet
ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
ununterbrochen, wie ein Tamburin.
Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
auf den Gesichtern um die Marmortische
in seiner gelben Sprache unterhielt;
wozu der schwarze Marmor blank auflachte.

Ich war schon bei der Wahl – da teilte sich
die rote Türgardine neben mir:
ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
die Beiden schritten ruhig durch den Schwärm.
Mir grade gegenüber, quer am Ende
des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter
hing über ihnen wie ein schwerer alter
Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.
Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
„Bejejent muß ik die woll schon wo sein.“

Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.
Die großen blassen Augenlider waren
tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
ihr Schatten um die eingeknickte Nase;
der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
sah man sein eines schwarzes Auge halb
und drehte sich sein langer dünner Hals,
langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.

Es wurde immer stiller durch den Raum;
sie blickten alle auf den stummen Mann
und auf das sonderbar geduckte Weib.
„Sie ist ganz jung“ – war um mich her ein Flüstern;
auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
Doch schien sie mir fast alt, sooft die Zunge
durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
ihr grauer Blick den Saal belauerte;
das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.

Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;
ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
Sie ging; er folgte automatisch nach.
Die rote Türgardine tat sich zu,
der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
doch fluchte Keiner; und mir schauderte.

Ich blieb für mich – ich kannte sie auf einmal:
es war die Wollustseuche und der Tod.

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Gedicht: Venus Pandemos von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Venus Pandemos“ von Richard Dehmel ist eine düstere Beobachtung des Lebens in einem Nachtcafé und eine Allegorie auf die zerstörerische Kraft der Sinnlichkeit und des Todes. Es fängt die Atmosphäre des Verfalls, der Verlockung und des moralischen Niedergangs ein. Der Erzähler, selbst müde und von der Umgebung erschöpft, beobachtet eine Szene, die sich zu einer erschreckenden Offenbarung entwickelt.

In den ersten Strophen wird die Szenerie des Nachtcafés detailliert beschrieben. Der Geruch, das Gelächter, die Dirnen und der Lärm bilden eine Atmosphäre von Dekadenz und Unruhe. Der Erzähler, geplagt von Müdigkeit und Begierde, ist ein Teil dieser Umgebung. Die detaillierte Beschreibung des Raumes und der Gäste bereitet den Boden für das Erscheinen des mysteriösen Paares, das die Aufmerksamkeit des Erzählers und des gesamten Cafés auf sich zieht.

Die zentrale Figur ist der Mann, dessen Erscheinung durch die Beschreibung seines Äußeren und seiner Bewegungen charakterisiert wird. Sein „krasses Stirne“, die tief zugeklappten Augenlider und der Blick, der dem eines Geiers ähnelt, der nach Aas sucht, vermitteln ein Gefühl von Verfall und Tod. Die junge Frau, die er begleitet, scheint ein Kontrast zu ihm zu sein, aber ihre Handlungen, wie das trübe Aussehen und die Zunge, die durch die Lücke der Zähne zuckt, suggerieren, dass auch sie der Verderbtheit verfallen ist.

Die Spannung im Raum steigt, als sich alle Gäste auf das Paar konzentrieren. Die Reaktion des Cafés auf das Paar wird durch das Flüstern der Anwesenden und die Beobachtung ihres Verhaltens verstärkt. Der Kontrast zwischen ihrer Jugend und dem Tod, der von dem Mann ausstrahlt, verstärkt das Gefühl des Unbehagens. Der Abschied des Paares, ohne dass jemand flucht, und die Erkenntnis des Erzählers am Ende, dass es sich um die „Wollustseuche und den Tod“ handelt, geben der Geschichte ihren erschreckenden Charakter.

Das Gedicht ist eine eindringliche Warnung vor den Verlockungen der Sinnlichkeit und ihren zerstörerischen Folgen. Dehmel nutzt eindrucksvolle Bilder und eine klare, aber kraftvolle Sprache, um die Atmosphäre der Dekadenz, des Verfalls und des Todes zu vermitteln. Das Gedicht ist eine Allegorie, die die dunkle Seite der menschlichen Natur und die Gefahr des moralischen Niedergangs in einer vergnügungssüchtigen Gesellschaft aufzeigt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.