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Venus Occulta

Von

Ist das noch die große Stadt,
dies Geraune rings im Grauen?
diese Männer, diese Frauen,
kaum erschienen, schon verschwunden;
und die Sonne steht so matt
wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.

Drück dich dichter an mich an,
wie der Nebel an die Mauern!
Keiner stört den stillen Bann,
wenn wir Blick in Blick erschauern.
Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch;
jeder wilde Laut wird stumm.

Hebe deinen dunkeln Schleier,
daß dein Atem mich erquickt!
Keiner stört die stille Feier,
wenn sich uns in diesem Dunste
fester Hand in Hand verstrickt.
Diese Straße mündet in den Himmel.

Oder weißt du, wo wir sind?
Küsse mir die Augenbrauen!
küsse mir die Seele blind!
Diese tote Stadt ist Babel,
und ihr blasser Dampf umspinnt
eine tausendjährig trübe Fabel.

Alle Farben sind ertrunken.
Nur auf deinem schwarzen Haare
flimmern noch die Purpurfunken
deines Hutes aus Paris,
rot wie unsre Lippenpaare;
und mein blauer Wettermantel raschelt.

Du, was träumst du? Deine Augen
waren eben wie zwei Kohlen,
die sich von der Glut erholen;
ja, du bist Semiramis!
Und in seinem dunkelblauen Mantel
führt dein Odin dich ins Paradies.

Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
bis der Gott zu seiner Göttin kam;
und du hast manch braven Mann,
ich manch gutes Weib verlassen.
Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt;
drück dich dichter an mich an!

Sag mir – Nein: horch! was für Töne?
warum stehn wir so erschrocken?
Dies verhaltene Gestöhne
aus den Wolken, dies Gedröhne,
kannst du diesen Lärm begreifen? –
Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.

Vor verschiednen hundert Jahren
herrschte hier ein Gott der Leiden
über traurige Barbaren.
Komm, wir wolln die Götter trösten,
daß sie sich in Dunst auflösten,
wir zwei seligen verirrten Heiden.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Venus Occulta von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Venus Occulta“ von Richard Dehmel entführt den Leser in eine dämmerige, fast mystische Atmosphäre, die durch das Zusammenspiel von Liebe, Sehnsucht und Melancholie geprägt ist. Die titelgebende „Venus Occulta“, die verborgene Venus, deutet auf eine Suche nach dem Schönen und Verborgenen, das im Gedicht durch die innige Beziehung des Liebespaares symbolisiert wird. Die düstere Kulisse der Großstadt, in der Farben verblassen und alles im Grau verschwimmt, dient als Kontrast zu der intimen Welt der Liebenden, die sich in ihrem eigenen Kosmos zu finden scheinen.

Dehmel verwendet eine Vielzahl von Bildern und Metaphern, um die besondere Verbindung zwischen den beiden Personen zu beschreiben. Die dunkle, fast geheimnisvolle Atmosphäre wird durch Begriffe wie „Geraune im Grauen“, „Nebel“, „vermummt“ und „Dunste“ erzeugt, die eine Abschirmung von der Außenwelt suggerieren. Die Liebenden ziehen sich in ihre eigene Welt zurück, die durch intensive Blicke und Berührungen, wie „Blick in Blick erschauern“ und „drück dich dichter an mich an“, gekennzeichnet ist. Die Anspielungen auf mythologische Figuren wie Semiramis und Odin verstärken den Eindruck einer überirdischen, fast mythischen Liebe, die sich über die irdischen Begrenzungen erhebt.

Das Gedicht ist jedoch nicht nur von Romantik geprägt, sondern auch von einer gewissen Wehmut und dem Bewusstsein der Vergänglichkeit. Die Zeilen „Diese tote Stadt ist Babel / und ihr blasser Dampf umspinnt / eine tausendjährig trübe Fabel“ deuten auf die Entfremdung und Sinnlosigkeit der modernen Welt hin, die die Liebenden verlassen wollen. Der Hinweis auf die „letzte Irrfahrt“ und die Sehnsucht nach einem gemeinsamen „Paradies“ lassen die Hoffnung auf ein endgültiges Ankommen und eine ewige Verbundenheit erkennen.

Die Verwendung von Fragen, wie „Oder weißt du, wo wir sind?“ und „Du, was träumst du?“, verdeutlicht die Unsicherheit und die Suche nach Orientierung in einer Welt, die von Dunkelheit und Verwirrung geprägt ist. Die abschließenden Verse, in denen das Läuten der Glocken als „Gedröhne“ aus den Wolken beschrieben wird, scheinen eine Warnung vor dem drohenden Ende der Idylle zu sein, bevor die Liebenden die Götter trösten und sich als „verirrte Heiden“ bezeichnen. Dies verleiht dem Gedicht eine zusätzliche Ebene der Tragik und zeigt, dass selbst die intensivste Liebe nicht frei von den Schatten der Welt ist.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.