Venus Occulta

Richard Dehmel

1907

Ist das noch die große Stadt, dies Geraune rings im Grauen? diese Männer, diese Frauen, kaum erschienen, schon verschwunden; und die Sonne steht so matt wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.

Drück dich dichter an mich an, wie der Nebel an die Mauern! Keiner stört den stillen Bann, wenn wir Blick in Blick erschauern. Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch; jeder wilde Laut wird stumm.

Hebe deinen dunkeln Schleier, daß dein Atem mich erquickt! Keiner stört die stille Feier, wenn sich uns in diesem Dunste fester Hand in Hand verstrickt. Diese Straße mündet in den Himmel.

Oder weißt du, wo wir sind? Küsse mir die Augenbrauen! küsse mir die Seele blind! Diese tote Stadt ist Babel, und ihr blasser Dampf umspinnt eine tausendjährig trübe Fabel.

Alle Farben sind ertrunken. Nur auf deinem schwarzen Haare flimmern noch die Purpurfunken deines Hutes aus Paris, rot wie unsre Lippenpaare; und mein blauer Wettermantel raschelt.

Du, was träumst du? Deine Augen waren eben wie zwei Kohlen, die sich von der Glut erholen; ja, du bist Semiramis! Und in seinem dunkelblauen Mantel führt dein Odin dich ins Paradies.

Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen, bis der Gott zu seiner Göttin kam; und du hast manch braven Mann, ich manch gutes Weib verlassen. Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt; drück dich dichter an mich an!

Sag mir - Nein: horch! was für Töne? warum stehn wir so erschrocken? Dies verhaltene Gestöhne aus den Wolken, dies Gedröhne, kannst du diesen Lärm begreifen? - Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.

Vor verschiednen hundert Jahren herrschte hier ein Gott der Leiden über traurige Barbaren. Komm, wir wolln die Götter trösten, daß sie sich in Dunst auflösten, wir zwei seligen verirrten Heiden.

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Illustration zu Venus Occulta

Interpretation

Das Gedicht "Venus Occulta" von Richard Dehmel handelt von einer geheimnisvollen, fast mystischen Begegnung in einer düsteren, nebligen Stadt. Die Stadt wird als Ort der Vergänglichkeit und des Geheimnisses dargestellt, in dem Menschen flüchtig erscheinen und verschwinden. Die Sonne wirkt matt und unwirklich, was eine Atmosphäre der Verwirrung und des Ungewissen schafft. Der Sprecher und sein Gegenüber bewegen sich durch diese Stadt, eng umschlungen und abgeschirmt von der Außenwelt, als wären sie in einem eigenen, heiligen Raum. Die Begegnung wird als intime, fast sakrale Zeremonie beschrieben, bei der der Schleier der Geliebten gelüftet wird und ihre Nähe den Sprecher erquickt. Die Straße, die sie entlanggehen, führt in den Himmel, was auf eine transzendente Erfahrung hindeutet. Die Stadt wird als Babel identifiziert, ein Ort der Verwirrung und der alten, trüben Legenden. Trotz der Düsternis und des Verfalls gibt es noch leuchtende Farben, wie die Purpurfunken auf dem Hut der Geliebten und der blaue Mantel des Sprechers, die als Symbole der Leidenschaft und der Verbundenheit dienen. Die Geliebte wird als Halbgöttin dargestellt, als Semiramis und Odin, was auf eine mythologische und zeitlose Qualität ihrer Beziehung hinweist. Trotz der Irrfahrten durch dunkle Gassen und dem Verlassen von anderen Menschen, ist dies ihre letzte Reise, eine Reise ins Paradies. Die Glocken am Ende des Gedichts könnten als Zeichen der Erlösung oder als Aufruf nach Hause interpretiert werden. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, die alten Götter zu trösten, die sich in Dunst aufgelöst haben, was auf eine Rückkehr zu einer heidnischen, natürlichen Religion hindeutet, in der der Sprecher und seine Geliebte als glückliche, verirrte Heiden leben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Gott der Leiden herrschte hier
Personifikation
Götter sich in Dunst auflösten
Symbolik
Glocken
Vergleich
rot wie unsre Lippenpaare