Venus Consolatrix

Richard Dehmel

1896

Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht erblaßte scheu vor seiner milden Pracht. Er schien auf meine dunkle Zimmerwand, und wie aus unerschöpflicher Phiole durchflossen Silberadern die Console, die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.

Auf einmal fing die Säule an zu leben, und eine Frau erhob sich aus dem Glanz; die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz von hellen Rosen zwischen grünen Reben. Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte so sanft wie meine Heimatflur im Schnee, die Rüsche aber, die den Hals begrenzte, so blutrot wie - die Blüte Aloe; und ihre Augen träumten braun ins Tiefe, als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe. Sie breitete mir beide Arme zu, ich sah erstaunt an ihren Handgelenken die starken Pulse springen und sich senken, da nickte sie und sagte zu mir: Du - du bist mühselig und beladen, komm: wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen. Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen, durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!

Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche und nestelte an ihren seidnen Litzen und öffnete das Kleid von weißem Plüsche und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen, die zart das blanke Licht des Sternes küßte, die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste, dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut, das einst den kleinen Heiland selig machte, bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte, Maria ich, die Nazarenerin - o sieh, es ist des selben Fleisches Blut, für das der große Heiland sich erregte, bevor ich in sein kleines Grab ihn legte, Maria ich, die Magdalenerin - komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden, und lerne dich erlösen und gesunden!

Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen und dehnte sich in ihrer nackten Kraft; wie heilige Runen standen auf der prallen Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft, in Linien, die verliefen wundersam bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham. Da sprach sie wieder und trat her zu mir: Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?! Und meine Blicke badeten in ihr.

Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn, ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben, mich selig tiefer, immer tiefer streben, ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn - weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben, und ihren Kranz von Rosen und von Reben umklammernd, während wir verbeben, stamml ich: o auf - auf - auferstehn! -

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Illustration zu Venus Consolatrix

Interpretation

Das Gedicht "Venus Consolatrix" von Richard Dehmel handelt von einer nächtlichen Begegnung des lyrischen Ichs mit einer geheimnisvollen Frau, die sich als Maria, die Nazarenerin und Magdalenerin, zu erkennen gibt. Die Frau erscheint in einer Vision, ausgelöst durch das Erscheinen des Morgensterns (Venus) und das Aufleuchten einer schwarzen Console im Zimmer des Ichs. Sie trägt einen Kranz aus Rosen und Reben im Haar und ein weißes Samtkleid, das sie nach und nach auszieht, um ihre Brüste und ihren Bauch zu zeigen. Sie spricht zu dem Ich in tröstenden und erotischen Worten und lädt es ein, sich ihr hinzugeben und von ihr erlösen und gesunden zu lassen. Das Ich folgt ihrer Einladung und versinkt in einem Meer der Lust und des Todes, aus dem es sich sehnsüchtig nach Auferstehung sehnt. Das Gedicht verbindet christliche und heidnische Motive zu einer synkretistischen Vision von Erlösung und Liebe. Die Frau, die sich als Maria ausgibt, ist zugleich eine Verkörperung der Venus, der Göttin der Liebe und Schönheit. Sie vereint die Attribute der Jungfrau Maria, der Mutter Jesu, und der Maria Magdalena, der Sünderin und Jüngerin Jesu. Sie symbolisiert die Vereinigung von Himmel und Erde, von Geist und Fleisch, von Reinheit und Leidenschaft. Sie bietet dem Ich eine Alternative zum asketischen Christentum, das das Leben verneint und die Sexualität verdammt. Sie lehrt das Ich, dass Liebe und Hingabe heilig sind und dass man das Leben nicht fliehen muss, um selig zu werden. Das Gedicht ist ein Beispiel für die literarische Strömung des Fin de Siècle, die sich durch eine Hinwendung zum Irrationalen, Sinnlichen und Mystischen auszeichnete. Dehmel war ein Vertreter des Symbolismus und des Expressionismus, die sich gegen die naturalistische Wirklichkeitsdarstellung wandten und nach einer neuen Form der Dichtung suchten. Das Gedicht ist reich an Bildern und Symbolen, die eine suggestive Wirkung erzielen sollen. Die Sprache ist rhythmisch und musikalisch, mit Reimen und Alliterationen. Das Gedicht hat eine klare Struktur: Es beginnt mit der Ankunft des Morgensterns, geht über in die Erscheinung der Frau und ihre Ansprache an das Ich, und endet mit der Vereinigung des Ichs mit der Frau und seiner Sehnsucht nach Auferstehung.

Schlüsselwörter

leben komm sieh kranz rosen reben weißem rüsche

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Stilmittel

Metapher
stamml ich: o auf - auf - auferstehn!
Personifikation
da kam Stern Lucifer; und meine Nacht erblaßte scheu vor seiner milden Pracht
Vergleich
die Rüsche aber, die den Hals begrenzte, so blutrot wie - die Blüte Aloe