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Venus Consolatrix

Von

Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht
erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
und wie aus unerschöpflicher Phiole
durchflossen Silberadern die Console,
die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.

Auf einmal fing die Säule an zu leben,
und eine Frau erhob sich aus dem Glanz;
die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
von hellen Rosen zwischen grünen Reben.
Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
so blutrot wie – die Blüte Aloe;
und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
Sie breitete mir beide Arme zu,
ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
die starken Pulse springen und sich senken,
da nickte sie und sagte zu mir: Du –
du bist mühselig und beladen, komm:
wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen.
Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!

Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
und nestelte an ihren seidnen Litzen
und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste,
dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
das einst den kleinen Heiland selig machte,
bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
Maria ich, die Nazarenerin –
o sieh, es ist des selben Fleisches Blut,
für das der große Heiland sich erregte,
bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
Maria ich, die Magdalenerin –
komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
und lerne dich erlösen und gesunden!

Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen
und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
wie heilige Runen standen auf der prallen
Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
in Linien, die verliefen wundersam
bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?!
Und meine Blicke badeten in ihr.

Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
mich selig tiefer, immer tiefer streben,
ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn –
weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
und ihren Kranz von Rosen und von Reben
umklammernd, während wir verbeben,
stamml ich: o auf – auf – auferstehn! –

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Venus Consolatrix von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Venus Consolatrix“ von Richard Dehmel ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Themen wie Erlösung, Liebe, Leidenschaft, Schuld und dem Kreislauf von Leben und Tod, eingebettet in eine traumartige Vision. Es beschreibt eine Begegnung des lyrischen Ichs mit einer Frauengestalt, die sich als Maria, sowohl als Mutter Jesu als auch als Maria Magdalena, offenbart. Die Begegnung erfolgt unter dem Einfluss des Sterns Lucifer und entfaltet sich in einer Atmosphäre von Sinnlichkeit und erotischer Anziehung.

Die beschriebene Szene beginnt mit der Erscheinung Luzifers, der die Nacht erhellt und eine dunkle, leere Konsole zum Leben erweckt. Aus dem Licht heraus materialisiert sich eine Frau, die in ihren Attributen an die Venus erinnert: Sie trägt einen Kranz aus Rosen und Reben, ihre Kleidung ist von sinnlicher Schönheit und ihre Augen verheißen Sehnsucht. Diese Erscheinung bietet dem lyrischen Ich Trost und Erlösung, indem sie ihn einlädt, sich von seinen Mühen und Belastungen zu befreien und dem Leben nicht zu entfliehen. Die Frau gibt sich als Maria zu erkennen und verweist auf ihre Rolle als Mutter und Geliebte Jesu, wodurch das irdische mit dem göttlichen verschmilzt.

Die erotische Komponente des Gedichts wird durch die Entblößung der Frau und die Betonung ihrer körperlichen Merkmale verstärkt. Narben auf ihrem Bauch, die an die Mutterschaft erinnern, und die Einladung, in ihre Augen zu blicken, intensivieren die Intimität und die Sogwirkung, die von der Erscheinung ausgeht. Die Frau, die die Gestalt Marias annimmt, präsentiert sich als Verkörperung von Liebe und Leidenschaft, und verspricht dem lyrischen Ich Trost und Erlösung, indem sie ihm zeigt, wie man seine Wunden heilt und wieder gesund wird. Der Höhepunkt des Gedichts ist ein extatischer Moment der Vereinigung und des Untergangs, in dem das lyrische Ich in eine tiefe, selige Erfahrung eintaucht.

Die Botschaft des Gedichts lässt sich in der Versöhnung von Diesseits und Jenseits, von irdischer und göttlicher Liebe erkennen. Dehmel verschmilzt christliche Motive mit der erotischen Erfahrung, um eine Vision der Erlösung durch Sinnlichkeit und Hingabe zu entwerfen. Die Frau, die sich als Maria offenbart, ist sowohl eine Mutterfigur, die Trost spendet, als auch eine Geliebte, die das Begehren weckt. Sie bietet dem lyrischen Ich die Möglichkeit, seine Leidenschaft zu leben, seine Schuld zu vergeben und sich in der Vereinigung mit ihr zu erneuern.

Das Gedicht stellt eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Wesen des Lebens und der Liebe dar. Es lädt den Leser ein, über die Grenzen von Gut und Böse, von Moral und Leidenschaft hinaus zu blicken und die Ganzheit des menschlichen Daseins zu erfassen. Die abschließende Zeile „o auf – auf – auferstehn!“ deutet auf einen Kreislauf von Sterben und Wiedergeburt hin, der durch die Vereinigung mit der weiblichen Figur ausgelöst wird, und schließt das Gedicht mit einem Aufruf zur Erneuerung und zum Eintauchen in die Tiefe des Lebens.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.