Venus Adultera
Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern!
Nein, das darf dich nicht bekümmern,
daß ich nicht „treu“ bin; rück nur her!
Komm, ich hab ein Dutzend Seelen;
wer kann all die Kammern zählen,
sechse stehn mir grade leer.
Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger!
Höh, mein Kind, ich bin viel jünger
als mein narbigtes Gesicht.
Weißt du, die Runzeln und die Hiebe
tun erst die Würze zu Ehre und Liebe!
Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht:
Viel geliebt! noch mehr getrunken!
kuscht euch, Unken und Hallunken!
heida, wie der Schläger pfiff!
Soll das Leben dir was nützen,
lerne brav dein Blut versprützen:
nicht gezuckt! los! blick und triff! –
Hast doch auch schon „Blut“ verspritzt,
oft – – hui, wie dein Auge blitzt:
zürnst wohl gar dem frechen Buben?
Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh!
Herzchen, so was lernt man so
in der Luft der Ehestuben!
Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand!
Hast ja Mut, Kind – und hast Verstand:
nein, ich will dich nicht verführen.
Aber gelt, du wärst gern Braut?
Hier das Venushalsband deiner Haut
läßt verhaltene Wünsche spüren.
Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb!
habe das Halsband nur so lieb
und deine dunkeln Augenringe.
Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil,
sprühenden Fluges ein sausendes Seil:
komm, durch Höllen und Himmel soll′s uns
schwingen!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Venus Adultera“ von Richard Dehmel ist eine subtile, aber eindeutige Auseinandersetzung mit dem Thema Untreue, Verführung und der Auflösung konventioneller Moralvorstellungen. Der Titel, der auf Venus, die römische Göttin der Liebe und Sinnlichkeit, sowie das lateinische Wort „adultera“ für „Ehebrecherin“ anspielt, gibt bereits die Richtung des Gedichts vor. Es ist eine Einladung an eine Geliebte, in eine Welt einzutreten, in der Treue keine Rolle spielt und in der die Erfahrungen des Lebens, inklusive der Ausschweifung, als Quelle von Würze und Genuss gefeiert werden.
Der Sprecher im Gedicht, ein Mann mit offensichtlich reicher Lebenserfahrung, spricht seine Geliebte an, versucht, sie mit verführerischen Worten zu umgarnen und ihre Bedenken zu zerstreuen. Er präsentiert sich als jemand, der das Leben in vollen Zügen genießt, „viel geliebt“ und „mehr getrunken“ hat. Seine Lebensweise, die durch „Runzeln und Hiebe“ des Lebens geprägt ist, wird als „Würze“ für die Liebe dargestellt. Der Hinweis auf seine „Narben“ und das „Blut verspritzen“ deutet auf ein Leben voller Abenteuer, Konflikte und leidenschaftlicher Begegnungen hin. Er versucht, die Geliebte in diese Welt der Erfahrung und des Genusses zu ziehen, indem er ihre Ängste und Zweifel mit vermeintlicher Wärme und Überzeugung abwiegt.
Dehmel verwendet eine Mischung aus direkten Befehlen, koketten Fragen und verlockenden Bildern, um die Geliebte zu verführen. Die Sprache ist trotz der expliziten Thematik nicht ordinär, sondern eher ironisch und spöttisch. Dies zeigt sich in den verharmlosenden Anreden („Schatz“, „Katz“, „Kind“, „Herzchen“), die den Ernst der Situation untergraben. Gleichzeitig werden sexuelle Anspielungen subtil eingesetzt, beispielsweise durch die Beschreibung des Venushalsbands („Halsband deiner Haut“) oder der „dunkeln Augenringe“ der Geliebten. Diese Elemente tragen dazu bei, eine Atmosphäre der Verführung und des Spiels mit Konventionen zu schaffen. Die letzten Zeilen mit dem Bild des „zündenden Pfeils“ und der Reise durch „Höllen und Himmel“ verstärken den Eindruck einer leidenschaftlichen, aber auch zerstörerischen Beziehung.
Die zentrale Botschaft des Gedichts ist die Ablehnung traditioneller Moralvorstellungen und die Feier des individuellen Genusses und der Erfahrung. Die Geliebte wird ermutigt, sich von Konventionen zu lösen und die Welt der Sinnlichkeit und Leidenschaft zu erkunden. Die Ironie liegt darin, dass der Sprecher, der sich selbst als „nicht treu“ bezeichnet, seine Geliebte in eine Beziehung lockt, in der Treue offenbar ebenfalls keine Rolle spielt. Das Gedicht ist somit eine ambivalente Reflexion über die Liebe, die Untreue und die menschliche Sehnsucht nach Intensität und Erfahrung. Es wirft Fragen nach der Bedeutung von Moral und Beständigkeit in einer Welt, in der das Individuum im Mittelpunkt steht und die kurzlebigen Freuden des Lebens gefeiert werden.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.