Venus Adultera
1920Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern! Nein, das darf dich nicht bekümmern, daß ich nicht “treu” bin; rück nur her! Komm, ich hab ein Dutzend Seelen; wer kann all die Kammern zählen, sechse stehn mir grade leer.
Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger! Höh, mein Kind, ich bin viel jünger als mein narbigtes Gesicht. Weißt du, die Runzeln und die Hiebe tun erst die Würze zu Ehre und Liebe! Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht:
Viel geliebt! noch mehr getrunken! kuscht euch, Unken und Hallunken! heida, wie der Schläger pfiff! Soll das Leben dir was nützen, lerne brav dein Blut versprützen: nicht gezuckt! los! blick und triff! -
Hast doch auch schon “Blut” verspritzt, oft - - hui, wie dein Auge blitzt: zürnst wohl gar dem frechen Buben? Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh! Herzchen, so was lernt man so in der Luft der Ehestuben!
Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand! Hast ja Mut, Kind - und hast Verstand: nein, ich will dich nicht verführen. Aber gelt, du wärst gern Braut? Hier das Venushalsband deiner Haut läßt verhaltene Wünsche spüren.
Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb! habe das Halsband nur so lieb und deine dunkeln Augenringe. Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil, sprühenden Fluges ein sausendes Seil: komm, durch Höllen und Himmel soll′s uns schwingen!
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Interpretation
Das Gedicht "Venus Adultera" von Richard Dehmel thematisiert die freie Liebe und die Ablehnung traditioneller Treue in Beziehungen. Der Sprecher fordert seine Geliebte auf, sich nicht über seine Untreue zu beklagen, da er über mehrere Seelen und Kammern verfüge, von denen einige gerade leer seien. Er betont seine Jugend und Lebenserfahrung, die durch Falten und Narben gekennzeichnet sei, und glorifiziert ein Leben voller Liebe und Alkohol. Der Sprecher fordert ein mutiges und leidenschaftliches Leben, in dem man sein Blut "verspritzt" und sich nicht zurückzieht. Er spielt mit der Eifersucht seiner Geliebten und versucht, sie mit seiner Leidenschaft und seinem Blick zu verführen. Der Sprecher sieht sich selbst nicht als Dieb, sondern als jemanden, der die Schönheit seiner Geliebten liebt und sie mit sich in eine leidenschaftliche Reise durch Hölle und Himmel nehmen möchte. Das Gedicht vermittelt eine hedonistische und freie Haltung gegenüber Liebe und Sexualität, die traditionelle Vorstellungen von Treue und Monogamie ablehnt. Der Sprecher glorifiziert ein Leben voller Erfahrungen, Leidenschaft und Mut, in dem man sich nicht von gesellschaftlichen Normen einschränken lässt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- komm, durch Höllen und Himmel soll's uns schwingen
- Hyperbel
- sechse stehn mir grade leer
- Metapher
- durch Höllen und Himmel soll's uns schwingen
- Personifikation
- nicht gezuckt! los! blick und triff!
- Wiederholung
- Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb!