Vber den Abschied einer Edelen Jungfrawen. Vnter eines andern Namen.

Martin Opitz

1889

Gleich wie zu Sommerszeit wann alles frölich blühet / Vnnd man sich Wald / Feld / Berg vnnd Thal verjüngen sihet / Vor aller Blumen Schar / so jrrgend mögen seyn / Die zarte Lilie leßt blicken ihren Schein: Es fliegen auff sie zu die Bienen hauffen weise / Vnd saugen mit Begier die angenehme Speise / Vnd wohlgeschmackten Safft; sie hebt ihr Haupt empor; Es gläntzt ihr weisses Kleyd vor allen Blumen vor: Jhr lieblicher Geruch erfrewet Hertz′ vnd Sinnen; Man muß ihr günstig seyn / vnd muß sie lieb gewinnen: Der schöne Zephyrus wird gegen ihr entzünd / Vnd weht auß Huld jhr zu den süssen Liebeswind. Bald kömpt der scharpffe Nord gantz vnverhofft gebrauset Quer vber Feld daher / pfeifft / heulet / singt vnd sauset / Vnd nimpt die Lilie mit Vngestümme hin; Die liebliche Gestalt bricht nichts nicht seinen Sinn. Das grüne Feld beginnt vmb seine Zier zu trawren / Die andern Blumen auch muß jhre Schwester tawren / Die Bienen fliegen selbst vor Schmertz vnd Trawrigkeit Verjrrt jetzt hin / jetzt her / vnd tragen grosses Leyd. So bistu auch zuvor / du schöneste / gewesen / Du stirbst / durch welch′ ich mir verhoffte zu genesen / O du mein Trost zuvor: jetzt bistu nackt vnd bloß / Vnd kriegest einen Sarch vor deines Liebsten Schoß. Du weisse Lilie / du Spiegel aller Tugend / In deiner besten Blüt′ vnd in der grünen Jugend Kürtzt dir der grimme Tod dein schnelles Leben ab / Vnd führet dich behend′ auß dieser Welt ins Grab. Doch bistu nun von jhr vnd jhrer Noth gerissen; Ich muß hier ohne dich in Qual vnd Trawren büssen; Ich wall′ im weiten Meer / in Wellen aller Noth. Du bist tod lebendig / ich bin lebendig tod.

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Illustration zu Vber den Abschied einer Edelen Jungfrawen. Vnter eines andern Namen.

Interpretation

Das Gedicht "Vber den Abschied einer Edelen Jungfrawen" von Martin Opitz handelt von dem Abschied einer edlen Jungfrau, der mit dem Tod der Lilie verglichen wird. Der Dichter beschreibt die Lilie als Symbol für Reinheit und Schönheit, die von Bienen umgeben ist und deren Geruch Herz und Sinne erfreut. Doch plötzlich kommt der kalte Nordwind und reißt die Lilie mit sich, was das grüne Feld und die anderen Blumen zum Trauern bringt. Der Dichter vergleicht dies mit dem Tod der edlen Jungfrau, die in ihrer besten Blüte vom Tod gerissen wurde. Er selbst muss ohne sie in Qual und Trauer leben, während sie nun von ihrer Not erlöst ist. Das Gedicht endet mit dem Gedanken, dass sie zwar tot, aber in einem besseren Leben ist, während er lebendig tot ist, ohne sie.

Schlüsselwörter

vnd muß feld aller blumen lilie jhr bistu

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Vor aller Blumen Schar, so jrrgend mögen seyn.
Anapher
Vnd nimpt die Lilie mit Vngestümme hin; Die liebliche Gestalt bricht nichts nicht seinen Sinn.
Bildsprache
Das grüne Feld beginnt vmb seine Zier zu trawren.
Enjambement
Es fliegen auff sie zu die Bienen hauffen weise / Vnd saugen mit Begier die angenehme Speise.
Hyperbel
Die Bienen fliegen mit Begier und saugen den angenehmen Speise.
Kontrast
Der Zephyrus weht süße Liebeswinde, während der Nord scharf und ungestüm ist.
Metapher
Die verstorbene Frau wird mit einer Lilie verglichen.
Oxymoron
Ich bin lebendig tod.
Pathos
Die Trauer über den Tod der Lilie wird betont.
Personifikation
Die Lilie lässt ihren Schein blicken, hebt ihr Haupt empor, und der Zephyrus wird entzündet.
Symbolik
Die Lilie symbolisiert Reinheit und Unschuld.
Vergleich
Die Lilie wird mit anderen Blumen verglichen.