Vater Unser

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

1803

Gott ist Gott im Donnerwetter Und im Frühlingssonnenschein, Gott ist Gott in Allem! – Götter Können also nirgend seyn!

Laßt uns beten: Vater unser, Unser Vater, der du bist In dem Himmel, ewig unser, Wo das Reich der Gnaden ist;

Auf den Erden, in den Sonnen, Welche wir wie Funken sehn, Willst du deines Reiches Wonnen, Und dein Wille muß geschehn!

Uns’re Leiber werden Trümmer: Vater, unser täglich Brod Gib uns heute, gib’s uns immer, Bis an unsers Leibes Tod!

Uns’re Seelen, schwer beladen Mit der Last der Sündenschuld, Stützen sich auf deine Gnaden: Ach, vergib und uns’re Schuld!

Prüf’ uns nicht bis zum Erliegen Unter unserm Seelenschmerz! Laß dir deine Gnade gnügen, Sprich uns deinen Trost in’s Herz!

Und erlös’ uns von dem Bösen! Du, der Vater, kannst allein Alles Bösen Bande lösen; Vater, alle Macht ist dein!

Dein ist Alles! Deinen Namen, Deine Kraft und Herrlichkeit Preisen Erd’ und Himmel! – Amen, Amen! bis in Ewigkeit.

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Illustration zu Vater Unser

Interpretation

Das Gedicht "Vater Unser" von Johann Wilhelm Ludwig Gleim ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem christlichen Gebet "Vater unser". Gleim beginnt mit einer Betrachtung der Allgegenwart Gottes, der sowohl im gewaltigen Donnerwetter als auch im sanften Frühlingssonnenschein präsent ist. Diese Omnipräsenz Gottes wird als Argument gegen den Glauben an mehrere Götter verwendet, da nur ein allgegenwärtiger Gott existieren kann. Im zweiten Teil des Gedichts wird das Gebet "Vater unser" selbst interpretiert und erläutert. Gleim betont die ewige Natur des himmlischen Reiches und die Allmacht Gottes, dessen Wille auf Erden und in den Himmeln geschehen soll. Er bittet um das tägliche Brot, was sowohl die physische als auch die spirituelle Nahrung einschließt, und um Vergebung der Sünden, wobei die Abhängigkeit des Menschen von der göttlichen Gnade hervorgehoben wird. Der letzte Teil des Gedichts ist eine Bitte um Trost und Erlösung von allem Bösen. Gleim erkennt die alleinige Macht des Vaters an, alle Bande des Bösen zu lösen, und schließt mit einem Lobpreis, der die gesamte Schöpfung umfasst. Das wiederholte "Amen" am Ende unterstreicht die ewige Natur von Gottes Herrschaft und die andauernde Anerkennung seiner Macht und Herrlichkeit.

Schlüsselwörter

vater gott himmel gnaden gib bösen amen donnerwetter

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Amen, Amen! bis in Ewigkeit
Apostroph
Preisen Erd’ und Himmel
Hyperbel
Wo das Reich der Gnaden ist
Metapher
Vater, alle Macht ist dein
Parallelismus
Dein ist Alles! Deinen Namen, Deine Kraft und Herrlichkeit
Personifikation
Götter können also nirgend seyn