Vagantenweihe

Peter Hille

1870

Zugvögel ziehn in grauem Ernst, Da stehst du Walter nun und lernst, O vanitatum vanitas. Die Jahre welken ’s greise Haupt. Fast steht der Hain schon blattberaubt - Wie kalt des Regens dünnes Naß!

Und doch Kopf oben! unverzagt, Der Jugend Rosen unbenagt, Trotz vanitatum vanitas. Sie regen sich voll dunklem Duft In ewig blauer Feierluft: Der tiefe rote Kuß macht das.

Ich hab’ viel Marterbilder hier, Sind gar geringe Kirchenzier! Und voll von Pein und vanitas. So mager, leer und dintenvoll, Der Saal, darin Latein erscholl, Ein Männlein da, das Leder ganz.

Die Sonne leuchtet treu und warm, Da leuchtet Lieb’ mir schon im Arm, O iuventutis sanitas. Die wieder weichen Lippen los Wie Elfenbein, die Hand im Schoß; Von blauem Glanz die Augen naß.

Und dann ein Blick aus warmem Lid, Der wieder tief ins Traumland flieht, Der vanitatum vanitas. Des Odems Duft durchgraust mein Mark, Das weiht den Mann, das macht ihn stark, Ja bis zum Gotte hebt ihn das.

Und meidet mich die Klerisei, Weil meinen Wirbel floh die Weih’ - Nur vanitatum vanitas. Das ist ja nur der pure Neid, Der hüllt sich dann in Kreuz und Leid Und donnert los im Lügenbaß.

Das Altarbild gar lieb und hold, Erhellt von zartem Lichtergold, Das, Himmel, ist nicht vanitas. Das ist ein Tag, der ewig steht, Mir niemals aus dem Sinne geht, Ein Tag im Wald im weichen Gras.

Das alles war so ernst, so tief, Wie sie so himmlisch lag und schlief, Trotz vanitatum vanitas. Und Blumen frisch und Amselschlag, Der weihen Ruh’ ich denken mag, Des weichen Golds im grünen Gras.

Ein Ruf, von wo, der sich verlor, Da fährt sie scheu vom Grund empor: Dein Schrecken, Kind, ist vanitas. Die Locken fahren wild herum, O Gott im Himmel, war das dumm, - Ich nenne meine Weihe das.

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Illustration zu Vagantenweihe

Interpretation

Das Gedicht "Vagantenweihe" von Peter Hille thematisiert die Vergänglichkeit des Lebens und die Suche nach tieferem Sinn. Der Sprecher reflektiert über die Vergänglichkeit der Zeit und die flüchtige Natur der Jugend, während er gleichzeitig die Schönheit und Intensität der Liebe und des Lebens feiert. Die wiederkehrende Phrase "vanitatum vanitas" (Eitelkeit der Eitelkeiten) unterstreicht die Erkenntnis, dass alles Irdische vergänglich ist, doch findet der Sprecher Trost in den tiefen emotionalen Erfahrungen, die ihm Stärke und Erhebung verleihen. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt eine intime Begegnung, die als "Weihe" bezeichnet wird. Diese Begegnung wird als heilig und erhaben dargestellt, im Gegensatz zur Klerisei, die den Sprecher ablehnt. Die "Weihe" symbolisiert eine persönliche spirituelle Erfahrung, die über traditionelle religiöse Rituale hinausgeht. Der Sprecher betont die Authentizität und Tiefe dieser Erfahrung, die ihm eine Verbindung zum Göttlichen ermöglicht. Abschließend wird die "Weihe" als ein Moment tiefster Intimität und Erkenntnis gefeiert. Trotz der Vergänglichkeit und des möglichen Schreckens, der mit der Erkenntnis der Vergänglichkeit einhergeht, findet der Sprecher in der Liebe und der Verbindung zu einem anderen Menschen eine Form der Erlösung und Stärkung. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass diese persönliche "Weihe" das ist, was den Sprecher wirklich erhoben und gestärkt hat.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Vagantenweihe

Stilmittel

Alliteration
Zugvögel ziehn in grauem Ernst
Anapher
Trotz vanitatum vanitas
Assonanz
Kopf oben! unverzagt
Hyperbel
Bis zum Gotte hebt ihn das
Kontrast
Die Sonne leuchtet treu und warm, Da leuchtet Lieb' mir schon im Arm
Metapher
Der Jugend Rosen unbenagt
Personifikation
Die Jahre welken 's greise Haupt
Symbolik
Vagantenweihe
Vokabelwiederholung
vanitatum vanitas
Wortwiederholung
vanitatum vanitas