Vagabunden
1869O, ich wollte in den Tag gehen, alle Sonnen, alle Glutspiele fassen, muss in trunkner Lenzluft untergehn tief in meinem Rätselblut. Sehnte mich zu sehr nach dem Jubel! Dass mein Leben verspiele mit dem Jubel. Kaum noch fühlt’ meine Seele den Goldsinn des Himmels, kaum noch sehen können meine Augen, wie müde Welle gleiten sie hin. Und meine Sehnsucht taumelt wie eine sterbende Libelle.
Gieße Brand in mein Leben! Ja, ich irre mit dir, durch alle Gassen wollen wir streifen, wenn unsere Seelen wie hungernde Hunde knurren. An allen Höllen unsere Lüste schleifen, und sünd’ge Launen alle Teufel flehn und Wahnsinn werden uns’re Frevel sein, wie bunte, grelle Abendlichter surren; irrsinnige Gedanken werden diese Lichte sein! Ach Gott! Mir bangt vor meiner schwarzen Stunde, ich grabe meinen Kopf selbst in die Erde ein!
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Interpretation
Das Gedicht "Vagabunden" von Else Lasker-Schüler thematisiert die Sehnsucht nach einem intensiven, leidenschaftlichen Leben, das sich der Dichterin jedoch unerreichbar anfühlt. Die Protagonistin sehnt sich danach, die Schönheit und Wärme der Welt zu erfassen, fühlt sich jedoch von inneren Konflikten und einer tiefen Melancholie zurückgehalten. Die Metapher des "Rätselbluts" deutet auf eine unergründliche, möglicherweise schmerzhafte innere Natur hin, die sie daran hindert, die Freude und den Jubel des Lebens vollständig zu erfahren. Die Müdigkeit und das Taumeln ihrer Sehnsucht, verglichen mit einer sterbenden Libelle, unterstreichen die Fragilität und Vergänglichkeit ihrer Hoffnungen. In der zweiten Hälfte des Gedichts wendet sich die Stimmung radikal. Die Protagonistin fordert "Brand" für ihr Leben und zeigt eine plötzliche, fast aggressive Bereitschaft, sich auf ein ausschweifendes, rücksichtsloses Dasein einzulassen. Gemeinsam mit einem unbestimmten "dir" will sie durch die Gassen streifen, getrieben von unersättlichen, fast tierischen Begierden. Die Bilder von "Hunden", "Höllen" und "Teufeln" evozieren eine Welt der Sünde und des Exzesses, in der Wahnsinn und Frevel als befreiend empfunden werden. Die "bunten, grellen Abendlichter" symbolisieren die flüchtigen, aber intensive Momente dieses Lebensstils, die jedoch letztlich nur "irrsinnige Gedanken" sind. Das Gedicht endet jedoch mit einer abrupten Wendung: Die Angst vor der "schwarzen Stunde" und der Wunsch, den Kopf in die Erde zu graben, deuten auf eine tiefe Verzweiflung und die Erkenntnis hin, dass ein solches Leben letztlich nicht erfüllend sein kann. Die Protagonistin scheint zwischen der Sehnsucht nach Leidenschaft und der Angst vor deren Konsequenzen gefangen zu sein. Lasker-Schüler vermittelt hier die Ambivalenz des menschlichen Daseins – die Spannung zwischen dem Wunsch nach intensiver Erfahrung und der Furcht vor dem Verlust der Selbstkontrolle und des inneren Friedens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- mein Rätselblut
- Personifikation
- sünd'ge Launen alle Teufel flehn
- Vergleich
- wie bunte, grelle Abendlichter surren