Unterwegs
1865Ich wandre in der großen Stadt. Ein trüber Herbstnebelschleier flattert um die Zinnen, Das Tagwerk schwirrt und braust vor meinen Sinnen, Und tausend Menschen gehn an mir vorüber.
Ich kenn sie nicht. Wer sind die Vielen? Tragen Sie in der Brust ein Los wie meins? Und blutet Ihr Herz vielleicht, von mir so unvermutet, Als ihnen fremd ist meines Herzens Schlagen?
Der Nebel tropft. Wir alle wandern, wandern. Von dir zu mir erhellt kein Blitz die Tiefen. Und wenn wir uns das Wort entgegenriefen- Es stirbt im Wind und keiner weiß vom andern.
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Interpretation
Das Gedicht "Unterwegs" von Hedwig Lachmann beschreibt die Einsamkeit und Entfremdung des lyrischen Ichs in einer großen Stadt. Die herbstliche Stimmung, symbolisiert durch den "trüben Herbstnebelschleier", verstärkt das Gefühl der Isolation und des Unbehagens. Die Hektik und das Getöse der Stadt ("Das Tagwerk schwirrt und braust") stehen im Kontrast zur inneren Leere des Ichs, das von den vorbeigehenden Menschen keine Verbindung spürt. Das Ich fragt sich, ob die anderen Menschen ähnliche Schicksale und Gefühle tragen wie es selbst. Die Metapher des Herzens, das "blutet" und dessen "Schlagen" für die anderen fremd ist, verdeutlicht die tiefe emotionale Kluft zwischen den Individuen. Trotz der physischen Nähe bleiben die Menschen in der Stadt emotional distanziert und unverbunden. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass es keine Brücke zwischen den Menschen gibt. Der Nebel, der "tropft", symbolisiert die fortwährende Trennung und das "Wandern" aller Beteiligten. Selbst wenn Worte ausgetauscht würden, würden sie "im Wind sterben", was die Unfähigkeit zur wirklichen Kommunikation und zum gegenseitigen Verständnis unterstreicht. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Melancholie über die menschliche Isolation in der modernen Großstadt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- Der Nebel tropft
- Metapher
- Es stirbt im Wind und keiner weiß vom andern
- Personifikation
- Ein trüber Herbstnebelschleier flattert um die Zinnen
- Rhetorische Frage
- Ich kenn sie nicht. Wer sind die Vielen? Tragen Sie in der Brust ein Los wie meins?