Unsrer Königin

Max von Schenkendorf

1800

In diesem Lande haust und waltet Ein fremder, kalter Schreckensgeist, Der Alles theilt und Alles spaltet Und jede schöne Form zerreißt.

Verderben brütet auf der Erde, Am höchsten Leben zehrt der Tod, Der auch der Glut auf Vesta′s Herde Den Untergang im Sturme droht.

Soll auch das Heil′ge von uns weichen? Wird unser Köstlichstes ein Raub? Kann nichts der Götter Ohr erreichen, Und sind sie jedem Flehen taub? -

Da fühlt ein überirdisch Wehen Der frommen Beter kleine Schaar: Es naht, erzeugt in Aethers Höhen, Ein Götterbild sich dem Altar.

Die Heil′ge, die des Herdes pfleget, Wann in den Krieg die Götter ziehn, Die Herz und Seele sanft beweget, In neuen Flammen zu erglühn -

Sie ist es, die ein junges Leben Den schon erstarrten Formen beut, Sie ist es, der sich jedes Streben Für′s Heiligthum der Menschheit weiht.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Unsrer Königin

Interpretation

Das Gedicht "Unsrer Königin" von Max von Schenkendorf thematisiert die dunkle Zeit der Fremdherrschaft und die damit verbundene Spaltung und Zerstörung im Land. Ein kalter Schreckensgeist beherrscht die Szenerie und droht selbst die heiligen Werte und Traditionen zu zerstören. Die Frage nach der Hilfe der Götter wird aufgeworfen, da das Heilige und Kostbarste in Gefahr scheint. Doch dann geschieht eine Wendung: Ein göttliches Wehen erfüllt die frommen Betenden, und ein Götterbild nähert sich dem Altar. Es handelt sich um die Heilige, die den Herd pflegt und in Kriegszeiten die Herzen und Seelen der Menschen sanft bewegt, um sie in neuen Flammen erstrahlen zu lassen. Sie ist es, die den erstarrten Formen neues Leben schenkt und das Streben nach dem Heiligtum der Menschheit inspiriert. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Hoffnung und des Glaubens an höhere Mächte, die in Zeiten der Not und Verzweiflung beistehen. Die Königin symbolisiert eine göttliche Instanz, die die Menschen in dunklen Stunden leitet und ihnen die Kraft gibt, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Schenkendorf verarbeitet in diesem Gedicht die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit und appelliert an die Einheit und den Zusammenhalt der Menschen.

Schlüsselwörter

leben heil götter lande haust waltet fremder kalter

Wortwolke

Wortwolke zu Unsrer Königin

Stilmittel

Frage
Und sind sie jedem Flehen taub?
Metapher
Für's Heiligthum der Menschheit weiht
Personifikation
Ein fremder, kalter Schreckensgeist