Unsre Zeit
1820Siegeslieder hört′ ich singen In den Gauen weit und breit; Unsers Volkes Ruhm erklingen In dem Spiel der Eitelkeit. Haltet ein, betörte Lieder! Gottes Flammen leuchten wieder In das dunkle Meer der Zeit.
Sind die Dolche denn Befreier, Selbst der eignen bangen Brust? Werdet frei erst, wahrhaft freier, Innen Gottes euch bewußt! Werft vor Seiner Kraft euch wieder, Vor dem ew′gen Rechte nieder; Dann genießt der Ehre Lust!
Und ihr andern wollt beschwören Durch ein künstlich Nichts den Sturm? Wen kann solch Geweb′ abwehren, Selbst zernagt vom Lügenwurm? Was nicht Gott erbaut, muß fallen; Also ruft die Stimm′ uns allen, Nieder stürzt der Babelturm.
Fruchtet nichts mehr unser Beten, Schließest Du der Gnade Born? Willst die blut′ge Kelter treten, Herr, in des Gerichtes Zorn? Kommt der Heil′ge auf den Rossen, Siegreich in des Worts Geschossen; Schallt der Welt das Todeshorn?
Werfen wir ans Herz dem Vater All die Schreckensorge nur; Daß sein Licht uns dien′ als Rater Und sein Wort zur Lebensspur! Es vergehn noch Sternentage, Und Jahrhunderte voll Klage, Eh′ verklärt wird diese Flur.
Wenn dämonische Gewalten Greifen an der Völker Herz; “Wie läßt Gott sie also schalten?” Klagen wir dann himmelwärts. Soll sich neu die Welt gestalten, Läßt er frei das Böse walten, Bis das Licht entsteigt dem Schmerz.
Fluten seh′ ich furchtbar rauschen Über Fluten auf uns her; Lüg′ und Mord den Szepter tauschen, Ein allblutig wildes Meer. Niemand mag sich widerstemmen, Keiner die Zerstörung hemmen; Gott allein ist hier die Wehr.
Auf dem Meer doch haucht und lebet Der das Licht dem Tod entreißt; Und ob der Verwesung schwebet Gottes ew′ger Lebensgeist. Also wird ein lichter Morgen Brechen durch der Menschen Sorgen, Wie der Strahl der Schrift verheißt.
Als den Mann des Todes weckte Einst der Heiland aus dem Graus, Wo den Leichnam Moder deckte, In des Grabes dunkelm Haus; Wenn schon selbst im Geist erschüttert Ob des Jammers Tief′ er zittert, Riß er ihn ans Licht heraus.
Denn es wirkt und schafft allmächtig Sein befreiend Lebenswort. Auf zum Himmel strahlt es mächtig, Dringt bis in des Todes Ort; Sturm und Meer sind ihm gewärtig, Noch im Glauben gegenwärtig, Führt′s die Flut gebietend fort.
Halte jeder fest den Anker, Steige mutig nur ins Schiff; Sicher fährt es hin ob schwanker Meeresbahn und Klippenriff. Durch die Fluten wird sich′s schlagen, Hin zum Felsen rettend tragen, Wer voll Glauben es ergriff.
Dieses Schiff ist es alleine Was nie bricht in aller Zeit; Dieser Felsen ist der eine Feste Grund der Ewigkeit. Wenn ihn Morgenrot umleuchtet, Gottes Tau den Stein befeuchtet, Blüht er auf in Herrlichkeit.
Hier ist himmlisch Heil zugegen, Fruchtbar grünt des Lebens Baum; Liebesarme hält entgegen Hier das Kreuz dem Weltenraum. Sicher aus der Felsenwahrung Quillt die ew′ge Liebesnahrung Und verklärt den ird′schen Traum.
Wenn die Wurzeln dieser Pflanze Bis zum Abgrund niederziehn, Ist die Geisterwelt im Glanze Voll von ihrer Zweige Blühn. Hier auch soll sie sich ausbreiten, Und der Wechsel aller Zeiten Ist nur ihres Laubes Grün.
Also laßt den Kampf uns tragen, Unser Felsen wanket nicht; Noch der Welten Sturz beklagen, Bis Gott ruft: “Es werde Licht!” Laßt uns streun des Lichtes Samen, “Treu und Wahrhaft” ist Sein Namen, Und gerecht ist das Gericht.
Ward aus Abend dann und Morgen Einst der neue Schöpfungstag, Wo, was Herrliches verborgen War, vor Gott erglänzen mag; Wird zum Paradies die Wüste, Kraft des Strahls, den hier begrüßte Unsrer Liebe Flügelschlag.
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Interpretation
Das Gedicht "Unsre Zeit" von Friedrich Schlegel ist eine tiefgründige Reflexion über die Zeit, die menschliche Natur und die göttliche Macht. Schlegel beginnt mit einem Bild von Siegesliedern, die in den Tälern widerhallen, und deutet an, dass der Ruhm des Volkes oft in der Eitelkeit verloren geht. Er ruft dazu auf, innezuhalten und sich der göttlichen Flammen bewusst zu werden, die in die Dunkelheit der Zeit leuchten. In den folgenden Strophen fordert Schlegel die Menschen auf, sich von inneren Fesseln zu befreien und sich Gottes Bewusstsein zu öffnen. Er warnt vor künstlichen Konstrukten, die von einem "Lügenwurm" zerfressen werden, und betont, dass nur das, was von Gott erbaut ist, Bestand haben wird. Die Zerstörung des Turms von Babel wird als Symbol für den Fall menschlicher Hochmut und Hybris verwendet. Das Gedicht wendet sich dann dem Gebet und der göttlichen Gnade zu. Schlegel fragt, ob das Gebet vergeblich ist und ob Gott in seinem Zorn die blutige Kelter treten wird. Er sieht jedoch auch die Möglichkeit der Erlösung durch das Wort Gottes, das wie ein siegreiches Ross daherkommt. Die Menschen werden aufgefordert, ihre Sorgen dem Vater anzuvertrauen und sich von seinem Licht und Wort leiten zu lassen. In den letzten Strophen malt Schlegel ein Bild von einer stürmischen Zeit, in der Lüge und Mord herrschen. Doch er versichert, dass Gott allein die Wehr ist und dass das Licht des Lebens selbst inmitten der Verwesung weiterlebt. Er verweist auf die Geschichte von Jesus, der den Mann des Todes aus dem Grab erweckte, als Beispiel für die befreiende Kraft des göttlichen Wortes. Das Gedicht schließt mit der Aufforderung, fest an den Anker des Glaubens zu halten und mutig in das Schiff der Erlösung zu steigen, das sicher durch die Fluten zum Felsen der Ewigkeit trägt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Wo, was Herrliches verborgen War, vor Gott erglänzen mag
- Hyperbel
- Ein allblutig wildes Meer
- Metapher
- Ward aus Abend dann und Morgen Einst der neue Schöpfungstag
- Symbolik
- Wird zum Paradies die Wüste