Unsre Sprache
1798An der Höhe, wo der Quell der Barden in das Tal Sein fliegendes Getöne, mit Silber bewölkt, Stürzet, da erblickt’ ich, zeug’ es, Hain! Die Göttin! sie kam zu dem Sterblichen herab!
Und mit Hoheit in der Miene stand sie! und ich sah Die Geister um sie her, die, den Liedern entlockt, Täuschen, ihr Gebild. Die Wurdis Dolch Unschuldige traf, die begleiteten sie fern,
Wie in Dämmrung; und die Skuldas mächtigerer Stab Errettete, die schwebten umher in Triumph, Schimmernd, um die Göttin, hatten stolz Mit Laube der Eiche die Schläfe sich bekränzt!
Den Gedanken, die Empfindung, treffend, und mit Kraft, Mit Wendungen der Kühnheit, zu sagen! das ist, Sprache des Thuiskon, Göttin, dir, Wie unseren Helden Eroberung, ein Spiel!
O Begeistrung! Sie erhebt sich! Feurigeren Blicks Ergießet sich ihr Auge, die Seel’ in der Glut! Ströme! denn du schonest des umsonst, Der, leer des Gefühls, den Gedanken nicht erreicht!
Wie sie herschwebt an des Quells Fall! Mächtiges Getön, Wie Rauschen in den Nächten des Walds ist ihr Schwung! Draußen im Gefilde braust der Sturm! Gern höret der Wandrer das Rauschen in dem Wald!
Wie sie schwebet an der Quelle! Sanfteres Getön, Wie Wehen in dem tieferen Wald ist ihr Schwung. Draußen im Gefilde braust der Sturm! Gern höret im Walde der Wanderer das Wehn'.
So erscholl mir’s von der Telyn Saite, wie im Flug. Mich dauchte, dass die Göttin mit Lächeln auf mich Blickte: da durchströmt’ es all mein Blut Mit Feuer, und Röte, wie jugendlicher Tanz,
In dem Frühlinge getanzt glühte mir herauf Die Wange! Ihr Begleiter! ihr Geister! so rief Eiliger ich aus, ihr saht den Blick Der Göttin, sie lächelt! Ihr Genien, ihr sahts!
O des Zaubers, den sie jetzo zaubert! Er gebeut; Die Geister der Gesänge gesungen durch mich Kommen, ihr Gebild, und haben stolz Mit heiligem Laube die Schläfe sich bekränzt,
Mit dem jüngsten aus den Hainen! Hebe doch der Dolch Der Norne sich! Er fehlt sie! Die Göttin hat sie Schirmend, auf der Bahn des schweren Gangs Des kühnen, hinauf zu Unsterblichkeit geführt!
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Interpretation
Das Gedicht "Unsre Sprache" von Friedrich Gottlieb Klopstock ist eine Ode an die deutsche Sprache, personifiziert als Göttin. Der Dichter beschreibt eine visionäre Begegnung mit dieser Göttin an einer Quelle, umgeben von Geistern, die die verschiedenen Aspekte der Sprache repräsentieren. Die Göttin verkörpert die Kraft und Schönheit der deutschen Sprache, die in der Lage ist, Gedanken und Empfindungen mit Kühnheit und Stärke auszudrücken. Klopstock vergleicht die Beherrschung der Sprache mit einem Spiel für Helden und betont ihre erhabene Natur. Die Göttin der Sprache wird als inspirierende Kraft dargestellt, die den Dichter mit Begeisterung erfüllt und sein Blut mit Feuer durchströmt. Ihre Anwesenheit wird mit dem Rauschen eines Wasserfalls und dem sanften Wehen des Windes verglichen, was die Vielfalt und den Reichtum der Sprache symbolisiert. Die Geister, die die Göttin begleiten, repräsentieren die verschiedenen Elemente der Dichtkunst und der Sprache, die den Dichter umgeben und inspirieren. In der abschließenden Strophe bittet der Dichter die Göttin, ihn auf dem schweren Weg zur Unsterblichkeit durch seine Dichtkunst zu führen und zu schützen. Er fleht die Nornen an, ihren Dolch zu erheben, um ihn zu beschützen, während er sich auf den Weg macht, seine Gedanken und Empfindungen in der deutschen Sprache auszudrücken. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass die Göttin der Sprache den Dichter auf seinem Weg zur Unsterblichkeit begleiten und beschützen wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wurdis Dolch Unschuldige traf
- Metapher
- Die Göttin hat sie Schirmend, auf der Bahn des schweren Gangs Des kühnen, hinauf zu Unsterblichkeit geführt
- Personifikation
- O Begeistrung! Sie erhebt sich!