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Unsere Träume sind Marmorhermen

Von

Unsere Träume sind Marmorhermen,
die wir in unsere Tempel stellen,
und sie mit unseren Kränzen erhellen
und sie mit unseren Wünschen erwärmen.

Unsere Worte sind goldene Büsten,
die wir in unsere Tage tragen, –
die lebendigen Götter ragen
in der Kühle anderer Küsten.

Wir sind immer in Einem Ermatten,
ob wir rüstig sind oder ruhn,
aber wir haben strahlende Schatten,
welche die ewigen Gesten tun.

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Gedicht: Unsere Träume sind Marmorhermen von Rainer Maria Rilke

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Unsere Träume sind Marmorhermen“ von Rainer Maria Rilke ist eine Reflexion über die menschliche Sehnsucht nach Schönheit, Ewigkeit und Erfüllung, die jedoch stets von der Vergänglichkeit des Lebens getrübt wird. Die ersten beiden Strophen widmen sich der Darstellung unserer Träume und Worte als kunstvolle, wenn auch unbelebte, Repräsentationen unseres inneren Lebens. Die „Marmorhermen“ und „goldenen Büsten“ symbolisieren dabei die Versuche des Menschen, seine Ideale und Hoffnungen in materielle Form zu gießen, sie zu verewigen und ihnen durch Hingabe und Verehrung eine gewisse Lebendigkeit zu verleihen.

Die zweite Strophe erweitert diese Thematik, indem sie die Kluft zwischen unseren geschaffenen Idealen und der lebendigen Realität hervorhebt. Während wir unsere Werke in den „Tempeln“ des eigenen Lebens ausstellen und mit „Kränzen erhellen“, verweilen die eigentlichen „Götter“ – also die wahren, lebendigen Ideale und Erfüllungen – in der Ferne, in der „Kühle anderer Küsten“. Dies deutet auf die Unmöglichkeit hin, unsere Träume vollständig zu verwirklichen und die Unzugänglichkeit des perfekten Glücks, das stets dem greifbaren Leben entrückt scheint.

Die dritte Strophe, die letzte des Gedichts, wendet sich einer tieferen Erkenntnis zu. Hier wird das „Ermatten“ thematisiert, das alle Menschen eint, unabhängig von ihrem Tun oder ihrer Ruhe. Dies unterstreicht die universelle Natur des menschlichen Daseins, das stets von der Beschränktheit und Vergänglichkeit geprägt ist. Doch trotz dieses Wissens von Müdigkeit und Unzulänglichkeit gibt es Trost in den „strahlenden Schatten“, die „die ewigen Gesten tun“. Diese Schatten symbolisieren die Spuren, die wir durch unsere Träume und Worte hinterlassen, die bleibende Wirkung unserer Bemühungen, die uns über die reine Vergänglichkeit hinausheben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Rilkes Gedicht eine melancholische, aber auch hoffnungsvolle Betrachtung des menschlichen Lebens darstellt. Es zeigt die Ambivalenz zwischen dem Drang nach Schöpfung und Verewigung und der Erkenntnis der eigenen Grenzen und des irdischen Vergänglichen. Die Kunst, die wir schaffen, sei sie materieller oder immaterieller Natur, mag unsere Träume nicht vollends erfüllen, aber sie hinterlässt Spuren, die über das eigene Leben hinausreichen und in der Ewigkeit nachwirken.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.