Unser Friede
1898Ein Sommertag, wo man zu tiefer Siesta sich verpflichtet hält, Wo Mücken nur und Ungeziefer So recht lebendig in der Welt, Wo gift′ger Pesthauch auf zum Himmel Aus stehenden Gewässern steigt, In deren Schlamm sich das Gewimmel Vielbeinigen Gewürmes zeigt:
Das ist der Friede, der uns schlimmer Als je ein Krieg zu werden droht, Der, fiel der Würfel, uns noch immer Ein offen Feld für Taten bot; Genüßler hegt jetzt unsre Jugend, Und Stockgelehrte allenfalls, Doch jeder Kraft und Männertugend Brach dieser Friede längst den Hals. -
Doch wird die Sonn′ erst unerträglich Und dörrt den Wald und sengt die Flur, Da hilft sich, auf gut sommertäglich, Mit einem Schlage die Natur: Die Donnerwolke blitzt und wettert Und nimmt der Luft den gift′gen Hauch, Und wird auch mancher Baum zerschmettert, In faule Sümpfe schlägt es auch.
Welch Friede dann , wenn segenstrahlend Die Sonn′ im Westen untergeht Und, dunkle Pupurrosen malend, Der Himmel wie in Flammen steht! Wir baden uns im Hauch der Frische, Wie neugeboren ist das All, Und in des Baumes Blätternische Schlägt lieblicher die Nachtigall.
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Interpretation
Das Gedicht "Unser Friede" von Theodor Fontane beschreibt einen scheinbar idyllischen Sommertag, der sich als bedrückend und ungesund erweist. Die erste Strophe malt ein Bild von Hitze, Schwüle und Stagnation, in der nur Insekten und anderes Getier gedeihen. Diese Atmosphäre wird als "Frieden" bezeichnet, der jedoch als bedrohlicher empfunden wird als ein Krieg. Die Jugend wird als verweichlicht und unproduktiv dargestellt, während Stärke und Männlichkeit unterdrückt werden. Die zweite Strophe beschreibt, wie die Natur selbst eine Lösung für diese unerträgliche Situation findet. Ein Gewitter bricht los, das die giftige Luft reinigt und für Erfrischung sorgt. Obwohl es dabei Zerstörung gibt, wie zerschmetterte Bäume und Blitzeinschläge, wird das Gewitter als notwendige und befreiende Kraft dargestellt. Die dritte Strophe zeigt das Ergebnis des Gewitters: einen friedlichen und erfrischenden Abend. Die Sonne geht in einem feurigen Rot unter, die Luft ist klar und belebend, und die Natur erstrahlt in neuer Frische. Die Nachtigall singt in den Baumkronen, was eine Atmosphäre der Ruhe und Schönheit schafft. Das Gedicht endet mit einem Bild von Erneuerung und Harmonie nach der Zerstörung und Stagnation.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Das ist der Friede, der uns schlimmer Als je ein Krieg zu werden droht
- Metapher
- In des Baumes Blätternische Schlägt lieblicher die Nachtigall
- Personifikation
- Die Donnerwolke blitzt und wettert Und nimmt der Luft den gift'gen Hauch