Unschuld
1749Schönste Tugend einer Seele, Reinster Quell der Zärtlichkeit! Mehr als Byron, als Pamele, Ideal und Seltenheit! Wenn ein andres Feuer brennet, Flieht dein zärtlich schwaches Licht. Dich fühlt nur, wer dich nicht kennet; Wer dich kennt, der fühlt dich nicht.
Göttin, in dem Paradiese Lebtest du mit uns vereint; Noch erscheinst du mancher Wiese Morgens, eh′ die Sonne scheint. Nur der sanfte Dichter siehet Dich im Nebelkleide zieh′n: Phöbus kommt, der Nebel fliehet, Und im Nebel bist du hin.
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Interpretation
Das Gedicht "Unschuld" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die vergängliche und zerbrechliche Natur der Unschuld. Die Unschuld wird als die "schönste Tugend einer Seele" und der "reineste Quell der Zärtlichkeit" beschrieben, was ihre Reinheit und ihre zentrale Bedeutung für die menschliche Seele unterstreicht. Der Dichter vergleicht die Unschuld mit Idealen und Seltenheiten, was ihre Einzigartigkeit und ihren hohen Wert hervorhebt. Doch die Unschuld ist auch verwundbar, da sie bei anderen Leidenschaften oder "Feuer" flieht und nur von denen wahrgenommen wird, die sie nicht kennen. Dies deutet auf die Fragilität und die Schwierigkeit hin, die Unschuld zu bewahren und zu erkennen. Goethe schildert die Unschuld als eine göttliche Präsenz, die einst im Paradies mit den Menschen zusammenlebte. Obwohl sie nicht mehr allgegenwärtig ist, erscheint sie noch immer in bestimmten Momenten und an bestimmten Orten, wie zum Beispiel in den frühen Morgenstunden auf Wiesen, bevor die Sonne aufgeht. Der Dichter, der als sanfter Beobachter dargestellt wird, ist in der Lage, die Unschuld in ihrem "Nebelkleid" zu sehen. Doch sobald die Sonne, symbolisiert durch Phöbus, aufgeht, verflüchtigt sich der Nebel, und mit ihm verschwindet auch die Unschuld. Dieses Bild veranschaulicht die Vergänglichkeit der Unschuld und ihre Anfälligkeit gegenüber der Härte der Realität und der Zeit. Das Gedicht vermittelt eine melancholische Stimmung, da es die Unschuld als etwas Vergängliches und Unerreichbares darstellt. Die Unschuld ist nicht nur zerbrechlich, sondern auch schwer fassbar, da sie von denen, die sie kennen, nicht mehr gefühlt werden kann. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Unschuld mit dem Erwachsenwerden und dem Erwerb von Wissen verloren geht. Die poetische Sprache und die Verwendung von Naturbildern, wie der Nebel und die Sonne, verstärken die emotionale Wirkung des Gedichts und unterstreichen die Idee, dass die Unschuld ein flüchtiges und schwer zu bewahrendes Gut ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allusion
- Göttin, in dem Paradiese
- Antithese
- Dich fühlt nur, wer dich nicht kennet; Wer dich kennt, der fühlt dich nicht
- Bildlichkeit
- Im Nebel bist du hin
- Hyperbel
- Mehr als Byron, als Pamele
- Kontrast
- Nur der sanfte Dichter siehet Dich im Nebelkleide zieh′n: Phöbus kommt, der Nebel fliehet
- Metapher
- Reinster Quell der Zärtlichkeit
- Personifikation
- Wenn ein andres Feuer brennet, Flieht dein zärtlich schwaches Licht
- Symbolik
- Morgens, eh′ die Sonne scheint