Unruhe der Nacht
1890Unruhe der Nacht Nun bin ich untreu worden Der Sonn′ und ihrem Schein; Die Nacht, die Nacht soll Dame Nun meines Herzens sein!
Sie ist von düstrer Schönheit, Hat bleiches Nornengesicht, Und eine Sternenkrone Ihr dunkles Haupt umflicht.
Heut ist sie so beklommen, Unruhig und voller Pein; Sie denkt wohl an ihre Jugend – Das muss ein Gedächtnis sein!
Es weht durch alle Täler Ein Stöhnen, so klagend und bang; Wie Tränenbäche fliessen Die Quellen vom Bergeshang.
Die schwarzen Fichten sausen Und wiegen sich her und hin, Und über die wilde Heide Verlorene Lichter fliehn.
Dem Himmel bringt ein Ständchen Das dumpf aufrauschende Meer, Und über mir zieht ein Gewitter Mit klingendem Spiele daher.
Es will vielleicht betäuben Die Nacht den uralten Schmerz? Und an noch ältere Sünden Denkt wohl ihr reuiges Herz?
Ich möchte mit ihr plaudern, Wie man mit dem Liebchen spricht – Umsonst, in ihrem Grame Sie sieht und hört mich nicht!
Ich möchte sie gern befragen Und werde doch immer gestört, Ob sie vor meiner Geburt schon Wo meinen Namen gehört?
Sie ist eine alte Sibylle Und kennt sich selber kaum; Sie und der Tod und wir alle Sind Träume von einem Traum.
Ich will mich schlafen legen, Der Morgenwind schon zieht – Ihr Trauerweiden am Kirchhof, Summt mir mein Schlummerlied!
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Interpretation
Das Gedicht "Unruhe der Nacht" von Gottfried Keller beschreibt die Nacht als eine düstere und unruhige Dame, die den Sprecher in ihren Bann zieht. Die Nacht wird als eine Schönheit mit bleichem Gesicht und einer Krone aus Sternen dargestellt. Der Sprecher fühlt sich von der Nacht angezogen und möchte mit ihr plaudern, doch sie ist in ihrem Kummer so gefangen, dass sie ihn nicht wahrnimmt. Die Nacht wird als eine alte Sibylle beschrieben, die sich selbst kaum kennt und von uraltem Schmerz und reuigem Herzen geplagt wird. Der Sprecher fragt sich, ob die Nacht an ihre Jugend und an noch ältere Sünden denkt. Die Natur spiegelt die Unruhe der Nacht wider, mit stöhnenden Tälern, fließenden Quellen und sausenden Fichten. Verlorene Lichter fliehen über die wilde Heide, und das Meer bringt dem Himmel ein dumpfes Ständchen. Am Ende des Gedichts gibt der Sprecher sich geschlagen und beschließt, sich schlafen zu legen. Der Morgenwind zieht bereits auf, und die Trauerweiden am Kirchhof summen ihm sein Schlummerlied. Das Gedicht endet mit einer resignativen Stimmung, in der der Sprecher sich dem Schlaf hingibt und die Nacht mit ihrem uralten Schmerz zurücklässt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Zeile 'Die schwarzen Fichten sausen' verwendet Alliteration mit dem 'sch'-Laut.
- Anapher
- Die Wiederholung von 'Sie' am Anfang mehrerer Zeilen betont die Zentralität der Nacht.
- Bildsprache
- Die Beschreibung des Gewitters mit 'klingendem Spiele' erzeugt eine lebendige Vorstellung.
- Hyperbel
- Die Nacht wird als 'uralten Schmerz' beschrieben.
- Metapher
- Die Nacht wird als 'Dame' und 'alte Sibylle' bezeichnet.
- Paradox
- Die Nacht wird als 'düsterer Schönheit' beschrieben, was einen Kontrast zwischen Schönheit und Düsterkeit darstellt.
- Personifikation
- Die Nacht wird als Dame mit 'bleiches Nornengesicht' und 'Sternenkrone' dargestellt.
- Rhetorische Frage
- Die Frage 'Ob sie vor meiner Geburt schon Wo meinen Namen gehört?' deutet auf die Unerreichbarkeit der Nacht hin.
- Symbolik
- Die 'schwarzen Fichten' und 'verlorene Lichter' symbolisieren Unruhe und Verlust.
- Vergleich
- Die Quellen fließen 'Wie Tränenbäche vom Bergeshang'.