Unglücksstern

Friedrich Theodor Vischer

1910

Der Bruder hat mit sanfter Hand Die Augen ihn. geschlossen, Sonst kräht in der Welt kein Hahn nach ihm, Der heute sich erschossen.

Sein Vater war Genie und Lump, Sucht’ über’m Meer sein Glücke Und kehrte als Genie und Lump Mit Weib und Kind zurücke.

Der Sohn trat seine Erbschaft an: Die bucklich hohe Stirne, Den feinen Geist, das Lumpenthum Und einen Spahn im Hirne.

Hat dennoch wacker sich geplackt Auf steilen, dornigen Pfaden, Stets wieder einen Streich gemacht Und ist ihm nichts gerathen.

Bald zog er straff an seinem Strang, Bald lief er weg vom Karren, Wie’s halt nicht anders gehen kann Bei einem Stück von Narren.

Bald hat die Hoffnung ihm gestrahlt, Bald ist sie ihm erloschen, Dann gieng sie endlich ganz ihm aus Mit seinem letzten Groschen.

Er wurde klug, er wurde klar, Er dachte, wir müssen’s enden! Da liegt er nun im Kämmerlein Mit seinen kahlen Wänden.

Die Sterne schauen kalt herein; Wo steht wohl unter ihnen Der Unglücksstern, der lebenslang Dem Armen hat geschienen?

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Illustration zu Unglücksstern

Interpretation

Das Gedicht "Unglücksstern" von Friedrich Theodor Vischer erzählt die tragische Lebensgeschichte eines jungen Mannes, der unter dem Einfluss eines ungünstigen Schicksals steht. Die Erzählung beginnt mit dem Tod des Protagonisten, der sich erschossen hat, und zeichnet dann seinen Lebensweg nach, der von Misserfolg und Pech geprägt war. Die Familiengeschichte des jungen Mannes ist von Anfang an belastet: Sein Vater war ein Genie, aber auch ein Lump, der sein Glück im Ausland suchte und mit Frau und Kind zurückkehrte. Der Sohn erbt sowohl die hohe Stirn als auch den feinen Geist seines Vaters, aber auch das Lumpentum und einen "Spahn im Hirne", was auf eine geistige Verwirrung oder eine Fehlbildung hindeutet. Der Lebensweg des Protagonisten ist von ständigen Anstrengungen und wiederholten Fehlschlägen gekennzeichnet. Er arbeitet hart auf steilen, dornigen Pfaden, versucht immer wieder einen Streich zu machen, aber nichts gelingt ihm. Seine Hoffnungen strahlen auf und erlöschen wieder, bis sie schließlich ganz ausgehen, als er seinen letzten Groschen verliert. In seiner Verzweiflung wird er klug und klar und beschließt, sein Leben zu beenden. Nun liegt er in einem kahlen Zimmer, umgeben von kalten Sternen, und fragt sich, wo sein Unglücksstern steht, der ihm sein ganzes Leben lang geschienen hat. Das Gedicht zeichnet ein düsteres Bild von einem Menschen, der von Anfang an unter einem schlechten Stern steht und dessen Leben von Misserfolg und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Die Struktur des Gedichts, das mit dem Tod des Protagonisten beginnt und dann seinen Lebensweg rückblickend erzählt, verstärkt den tragischen Eindruck. Die letzte Frage nach dem Unglücksstern lässt den Leser über das Schicksal und die Rolle des Zufalls im Leben nachdenken.

Schlüsselwörter

bald genie lump bruder sanfter hand augen geschlossen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
bucklich hohe Stirne
Enjambement
Sein Vater war Genie und Lump, Sucht' über'm Meer sein Glücke
Hyperbel
Mit seinen kahlen Wänden
Kontrast
Genie und Lump
Metapher
Der Unglücksstern, der lebenslang Dem Armen hat geschienen
Personifikation
Die Sterne schauen kalt herein
Symbolik
Unglücksstern