Unerhörte Liebe

Achim von Arnim

1806

Ist irgend zu erfragen Ein Schäfer um den Rhein, Der sehnlich sich beklagen Muß über Liebespein, Der wird mir müssen weichen, Ich weiß sie plagt mich mehr, Niemand ist mir zu gleichen, Und liebt er noch so sehr.

Es ist vorbey gegangen Fast jetzt ein ganzes Jahr, Daß Eine mich gefangen Mit Liebe ganz und gar, Daß sie mir hat genommen Gedanken, Muth und Sinn, Ein Jahr ist′s, daß ich kommen In ihre Liebe bin.

Seitdem bin ich verwirret Gewesen für und für, Es haben auch geirret Die Schaafe neben mir, Das Feld hab ich verlassen, Gelebt in Einsamkeit, Hab alles müssen hassen, Warum ein Mensch sich freut.

Nichts hab ich können singen, Als nur ihr klares Licht, Von ihr hab ich zu klingen Die Lauten abgericht, Wie sehr ich sie muß lieben Und ihre große Zier, Das hab ich fast geschrieben An alle Bäume hier.

Kein Trinken und kein Essen, Ja nichts hat mir behagt, Ich bin nur stets gesessen, Und habe mich beklagt: In diesem schweren Orden Verändert alles sich, Die Heerd′ ist mager worden, Und ich bin nicht mehr ich.

Sie aber hat die Sinnen Weit von mir abgekehrt, Ist gar nicht zu gewinnen, Hat mich noch nie erhört; Da doch was ich gesungen Weit in das Land erschallt, Und auch mein Ton gedrungen Bis durch den Böhmer Wald.

Die Schaafe, die am Flusse Im tiefsten Grase stehn, Sie horchten meinem Gruße, Sie wollen zu mir gehn; Es sammelt sich die Menge, Es winken mir die Fraun, Doch selbst in dem Gedränge, Kann ich die Lieb nicht schaun.

Was soll mein Lied erschallen? Viel lieber bin ich still, Der Liebsten zu gefallen Ich einig singen will: Weil alles sie auf Erden Allein zusammenhält, Kann ihre Gunst mir werden, So hab ich alle Welt.

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Illustration zu Unerhörte Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Unerhörte Liebe" von Achim von Arnim handelt von einem Schäfer, der unglücklich in eine Frau verliebt ist, die seine Liebe nicht erwidert. Das lyrische Ich beschreibt, wie die unerfüllte Liebe sein Leben beherrscht und ihn in einen Zustand der Verzweiflung und Einsamkeit versetzt. Es schildert, wie die Liebe sein Denken, Fühlen und Handeln verändert hat und wie er alles andere gehasst hat, solange er nicht die Gunst seiner Angebeteten gewinnen konnte. Die Struktur des Gedichts besteht aus sechs Strophen mit jeweils acht Versen, die durchgehend in Kreuzreimen (abab cdcd) verfasst sind. Der Rhythmus ist meistens ein vierhebiger Trochäus, der einen melancholischen und sehnsuchtsvollen Ton erzeugt. Das Gedicht verwendet viele Bilder und Symbole aus der Natur, wie Schafe, Felder, Bäume und Flüsse, um die Gefühle des lyrischen Ichs auszudrücken. Das Gedicht ist ein typisches Beispiel für die romantische Strömung in der deutschen Literatur, die sich durch die Betonung von Individualität, Gefühl und Phantasie auszeichnet. Es zeigt auch den Einfluss der mittelalterlichen Minnegesänge, die von unerführter oder unerwiderter Liebe handeln. Das Gedicht vermittelt eine tiefe menschliche Erfahrung, die auch heute noch nachvollziehbar ist: die Qual der unerwiderten Liebe.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Unerhörte Liebe

Stilmittel

Alliteration
Daß Eine mich gefangen Mit Liebe ganz und gar
Bildlichkeit
Sie aber hat die Sinnen Weit von mir abgekehrt
Hyperbel
Von ihr hab ich zu klingen Die Lauten abgericht
Kontrast
Die Schaafe, die am Flusse Im tiefsten Grase stehn
Metapher
Was soll mein Lied erschallen? Viel lieber bin ich still
Parallelismus
Weil alles sie auf Erden Allein zusammenhält
Personifikation
Daß sie mir hat genommen Gedanken, Muth und Sinn
Schlussfolgerung
Kann ihre Gunst mir werden, So hab ich alle Welt
Symbolik
In diesem schweren Orden Verändert alles sich
Wiederholung
Es haben auch geirret Die Schaafe neben mir
Übertreibung
Da doch was ich gesungen Weit in das Land erschallt