Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln...

Arno Holz

1898

Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln Die Weihnacht ihre Sterne funkeln! Die Engel im Himmel hört man sich küssen Und die ganze Welt riecht nach Pfeffernüssen …

So heimlich war es die letzten Wochen, Die Häuser nach Mehl und Honig rochen, Die Dächer lagen dick verschneit Und fern, noch fern schien die schöne Zeit. Man dachte an sie kaum dann und wann. Mutter teigte die Kuchen an Und Vater, dem mehr der Lehnstuhl taugte, Sass daneben und las und rauchte. Da plötzlich, eh man sich’s versah, Mit einem Mal war sie wieder da.

Mitten im Zimmer steht nun der Baum!

Man reibt sich die Augen und glaubt es kaum … Die Ketten schaukeln, die Lichter wehn, Herrgott, was giebt’s da nicht alles zu sehn! Die kleinen Kügelchen und hier Die niedlichen Krönchen aus Goldpapier! Und an all den grünen, glitzernden Schnürchen All die unzähligen, kleinen Figürchen: Mohren, Schlittschuhläufer und Schwälbchen, Elephanten und kleine Kälbchen, Schornsteinfeger und trommelnde Hasen, Dicke Kerle mit rothen Nasen, Reiche Hunde und arme Schlucker Und Alles, Alles aus purem Zucker!

Ein alter Herr mit weissen Bäffchen Hängt grade unter einem Aeffchen. Und hier gar schält sich aus seinem Ei Ein kleiner, geflügelter Nackedei. Und oben, oben erst in der Krone!! Da hängt eine wirkliche, gelbe Kanone Und ein Husarenleutnant mit silbernen Tressen - Ich glaube wahrhaftig, man kann ihn essen!

In den offenen Mäulerchen ihre Finger, Stehn um den Tisch die kleinen Dinger, Und um die Wette mit den Kerzen Puppern vor Freuden ihre Herzen. Ihre grossen, blauen Augen leuchten, Indess die unsern sich leise feuchten. Wir sind ja leider schon längst »erwachsen«, Uns dreht sich die Welt um andre Achsen

Und zwar zumeist um unser Büreau. Ach, nicht wie früher mehr macht uns froh Aus Zinkblech eine Eisenbahn, Ein kleines Schweinchen aus Marzipan. Eine Blechtrompete gefiel uns einst sehr, Der Reichstag interessiert uns heut mehr; Auch sind wir verliebt in die Regeldetri Und spielen natürlich auch Lotterie. Uns quälen tausend Siebensachen. Mit einem Wort, um es kurz zu machen, Wir sind grosse, verständige, vernünftige Leute!

Nur eben heute nicht, heute, heute!

Ueber uns kommt es wie ein Traum, Ist nicht die Welt heut ein einziger Baum, An dem Millionen Kerzen schaukeln? Alte Erinnerungen gaukeln Aus fernen Zeiten an uns vorüber Und jede klagt: Hinüber, hinüber! Und ein altes Lied fällt uns wieder ein: O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

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Illustration zu Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln...

Interpretation

Das Gedicht "Und wieder nun lässt aus dem Dunkeln" von Arno Holz ist ein eindrucksvolles Werk, das die Magie und Nostalgie der Weihnachtszeit einfängt. Es beginnt mit der Beschreibung der festlichen Atmosphäre, die durch die funkelnden Sterne und den Duft von Pfeffernüssen entsteht. Die Vorfreude auf das Fest wird durch die heimlichen Vorbereitungen in den Wochen zuvor angedeutet, wobei die Familie in ihren gewohnten Tätigkeiten vertieft ist, ohne sich allzu sehr auf das bevorstehende Ereignis zu konzentrieren. Im zweiten Teil des Gedichts wird die plötzliche Ankunft des Weihnachtsbaums und die damit verbundene Überraschung und Freude beschrieben. Die detaillierte Aufzählung der Dekorationen und Süßigkeiten am Baum vermittelt ein lebhaftes Bild der kindlichen Begeisterung. Die Kinder stehen um den Tisch herum, ihre Herzen voller Freude, während die Erwachsenen, obwohl sie längst "erwachsen" sind, von den Erinnerungen an ihre eigene Kindheit berührt werden. Im letzten Teil des Gedichts reflektiert Holz über den Kontrast zwischen der kindlichen Freude und den Sorgen des Erwachsenenalters. Die Erwachsenen sind mit ernsteren Dingen wie Politik und Lotterie beschäftigt, doch an diesem besonderen Tag kehrt die kindliche Unschuld zurück. Die Welt erscheint ihnen wie ein einziger Weihnachtsbaum, und alte Erinnerungen tauchen auf, begleitet von dem Wunsch, noch einmal ein Kind zu sein. Das Gedicht endet mit einem alten Lied, das die Sehnsucht nach der Unschuld und dem Glück der Kindheit ausdrückt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein
Metapher
O selig, o selig, ein Kind noch zu sein
Personifikation
Die Engel im Himmel hört man sich küssen