Und noch einmal
1831Noch einmal hin zum Jugendthal, Mit sieben und siebzig Jahren! Warum nicht dieses Eine Mal Dem Sehnen noch willfahren?
Nicht sicher sind die Schritte mehr Und nicht mehr hell die Augen, Doch frohe Wallfahrt ist nicht schwer, Wohlan, sie werden taugen!
Schau’, wie die Abendsonne ruht Dort auf der Felsburg Trümmern! Nie sah ich noch in solcher Gluth Die stolze Höhe schimmern.
Vermag des Lichtes Kraft allein So wunderbar zu weben? Sind’s Geister, die im goldnen Schein Von ferne grüßend schweben?
Der Pfad am kleinen klaren Fluß Sei rasch jetzt eingeschlagen, Dorthin, wo an des Thales Schluß Der Thurm, die Giebel ragen,
Dorthin, wo jeder Stein mich kennt, In die vertrauten Räume, Hinauf in’s dämm’rige Dorment – Da träum’ und träum’ und träume!
Erscheinet, seid zur Stelle gleich, Ihr frischen, wilden Knaben, Und müßt’ ich aus dem Todtenreich Bald auch den letzten graben!
Empfang’, o alterbraunes Haus, Die munteren Gesellen! Horch, schon durchhallt der Jugend Braus Die klösterlichen Zellen!
Sie schwärmen aus dem engen Thor Hinaus in Bergesklüfte, Wie Gemsen klettern sie empor An steiler Felsenhüfte.
Sie zieh’n mit Jauchzen und Gesang Durch’s Wiesenthal zum Walde Und weiter rollt der helle Klang Von Halde fort zu Halde.
Die Augen leuchten, Lust und Schwung Strahlt aus den offnen Mienen, O, sie sind glücklich, sie sind jung Und ich, und ich mit ihnen!
Nun aber hin zum kühlen Grund, Am Ueberhang der Buchen In dem geheimnißvollen Rund Die Nixe zu besuchen!
»Bist wieder da? Mich freut’s, du weißt,« Hör’ ich die Gute hauchen, »Komm nur, den todesreifen Geist In’s reine Blau zu tauchen!«
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Interpretation
Das Gedicht "Und noch einmal" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die Reise eines siebenundsiebzigjährigen Mannes zurück in seine Jugend. Trotz seiner körperlichen Gebrechen - unsichere Schritte und weniger helle Augen - ist er entschlossen, diese Wallfahrt anzutreten. Die Abendsonne, die auf den Ruinen der Felsburg ruht, erweckt in ihm die Frage, ob es die Kraft des Lichtes allein ist oder Geister, die im goldenen Schein grüßend schweben. Der alte Mann begibt sich rasch den Pfad am klaren Fluss entlang, in das vertraute Tal, wo jeder Stein und jedes Haus ihm bekannt ist. Dort träumt er von den frischen, wilden Knaben, die ihn empfangen und durch die klösterlichen Zellen toben. Die Jugendlichen ziehen mit Jauchzen und Gesang durchs Wiesental zum Walde, und ihr heller Klang hallt von Halde zu Halde. Der alte Mann fühlt sich jung und glücklich in ihrer Mitte. Zum Abschluss seiner Reise besucht der alte Mann die Nixe im kühlen Grund unter den Buchen. Sie begrüßt ihn freudig und lädt ihn ein, seinen todesreifen Geist in das reine Blau zu tauchen. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der alte Mann durch diese Reise in seine Jugend und die Begegnung mit der Nixe eine Art Erneuerung oder Reinigung erfährt, bevor er schließlich seinen letzten Gang antritt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- frohe Wallfahrt, stolze Höhe, vertrauten Räume, frischen, wilden Knaben, munteren Gesellen, Jugend Braus, Gemsen klettern, steiler Felsenhüfte, Wiesenthal zum Walde, helle Klang, Halde fort zu Halde, Augen leuchten, Lust und Schwung, kühlen Grund, geheimnisvollen Rund, todesreifen Geist
- Anapher
- Noch einmal, Nicht sicher, Nicht mehr, Nicht sicher sind die Schritte mehr
- Bildsprache
- Die Abendsonne ruht dort auf der Felsburg Trümmern, Der Pfad am kleinen klaren Fluß, Die Augen leuchten, Lust und Schwung Strahlt aus den offnen Mienen
- Hyperbel
- Mit sieben und siebzig Jahren
- Kontrast
- sieben und siebzig Jahren vs. Jugendthal, Nicht sicher sind die Schritte mehr vs. frohe Wallfahrt, Augen leuchten vs. dämmriges Dorment
- Metapher
- Jugendthal, Abendsonne, Felsburg Trümmern, Geister, kühlen Grund, todesreifen Geist
- Personifikation
- Abendsonne ruht, Lichtes Kraft allein, Augen leuchten, Lust und Schwung Strahlt
- Rhetorische Frage
- Warum nicht dieses Eine Mal Dem Sehnen noch willfahren?
- Symbolik
- Jugendthal (Jugend), Abendsonne (Alter), Felsburg Trümmern (Vergänglichkeit), kühlen Grund (Erinnerung), todesreifen Geist (Wiedergeburt)