Und doch
1857Zu melden ist von schrecklichem Gesichte, Das mich zumeist nach Freudenfesten plagt. Es träumt mir dann vom jüngsten der Gerichte, Da zucken Blitze, daß es grausig tagt, Nach meines Lebens wechselnder Geschichte Wird unbarmherzig im Verhör gefragt; Ich wälze mich auf meinem Schlummerkissen Und jede Sünde fällt mir auf’s Gewissen.
So zum Exempel, wie beim flotten Mahle Des Schaumweins Naß, der allzureichlich floß, Ich aus dem jäh gehobenen Pokale Auf einer Dame feines Kleid vergoß, Benebelt auch von ihrer Augen Strahle Noch etlich Böcke – keine kleinen – schoß, Dann gegen Spott mich jugendlich erhitzte Und Sinn und Unsinn durcheinander blitzte.
Die Nacht darauf mit Zittern und mit Beben Stand ich im Traume vor des Richters Thron. Ach, rief ich, Herr! Bedenke, daß für’s Leben Du mir so etwas – o, du weißt es schon! – So eine Dosis Wahnsinn mitgegeben: Laß Gnade walten! Nach Proportion – Du kannst’s in meines Lebens Akten lesen – Bin ich noch ziemlich ordentlich gewesen.
Da steh’ ich. Weh! Er runzelt seine Brauen, Oeffnet den Mund zu tödtlichem Gericht, Mir schwanet von der tiefsten Hölle Grauen – Doch seht! Er sinnt – er fällt den Spruch noch nicht; Ja schon beginnt er freundlicher zu schauen – Wohl mir: er nickt, er lächelt und er spricht: Nun, alter Esel! Da, zur Rechten wandre! Man rechnet dir so Eines in das Andre.
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Interpretation
Das Gedicht "Und doch" von Friedrich Theodor Vischer beschreibt einen Traum, in dem der Sprecher nach einem ausgelassenen Fest von einem schrecklichen Gericht über sein Leben geplagt wird. In diesem Traum wird er vor den Richterstuhl gestellt und muss sich für seine Sünden verantworten. Der Sprecher erinnert sich an eine spezifische Begebenheit, bei der er beim Trinken von Champagner das Kleid einer Dame beschmutzte und dabei betrunken und von ihren Augen geblendet weitere Fehler beging. Er bittet den Richter um Gnade und verweist auf die Tatsache, dass er im Leben eine gewisse Dosis Wahnsinn erhalten habe und ansonsten ziemlich ordentlich gewesen sei. Die Interpretation des Gedichts legt nahe, dass der Sprecher sich mit den Konsequenzen seiner jugendlichen Ausschweifungen auseinandersetzt. Der Traum dient als Metapher für das Gewissen des Sprechers, das ihn nach ausschweifenden Festen heimsucht. Die detaillierte Schilderung des Vorfalls mit dem verschütteten Champagner und den weiteren Fehlern verdeutlicht die Reue des Sprechers über sein Verhalten. Die Bitte um Gnade vor dem Richter symbolisiert den Wunsch des Sprechers, für seine Taten Vergebung zu finden und die Konsequenzen abzumildern. Die Auflösung des Traums, in der der Richter den Sprecher letztendlich zu seiner Rechten weist, deutet auf eine gewisse Nachsicht und Verständnis für menschliche Schwächen hin. Die Worte des Richters "Man rechnet dir so Eines in das Andre" implizieren, dass kleinere Verfehlungen im Leben verziehen werden können, solange das Gesamtbild des Lebens als ordentlich betrachtet wird. Dies spiegelt eine realistische und menschliche Sichtweise auf Moral und Vergebung wider, die Toleranz für gelegentliche Ausschweifungen zeigt, solange das Leben im Großen und Ganzen in Ordnung ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- jäh gehobenen Pokale
- Bildsprache
- Nach meines Lebens wechselnder Geschichte
- Hyperbel
- Auch etlich Böcke – keine kleinen – schoß
- Ironie
- Nun, alter Esel! Da, zur Rechten wandre!
- Kontrast
- Doch seht! Er sinnt – er fällt den Spruch noch nicht; / Ja schon beginnt er freundlicher zu schauen
- Metapher
- Da zucken Blitze, daß es grausig tagt
- Personifikation
- Ich wälze mich auf meinem Schlummerkissen
- Symbolik
- Schwärmerisches Naß, der allzureichlich floß
- Wiederholung
- Und jede Sünde fällt mir auf's Gewissen