Unanjenehm
unknownMein Volk die Bestie, die Mich füttert, staatsbefehlfeiert Meinen Geburtstag.
Von Turm zu Turm, durch Stadt und Land, von Gau zu Gau, in Meinen sämtlichen Provinzen, donnernd, hallten, dröhnten, tönten, schallten, läuteten die Glocken; als Musterbild, als Pflichtausbund, als Paradigma erhabenen Menschentums, getreuer Selbsthingabe und sorgend, tätig, rastlos, unermüdlich, sich aufopfernd vaterländischen Gemeinsinnes, Gemeinwirkens und Gemeinstrebens, in allen Aulen, den fleißigen Schülern, wie den faulen, lobhudelnd priesen, rühmten, würdigten, verherrlichten, beweihräucherten Mich die Arschpauker; zehntausend Pfaffen predigten von schwarzen Kanzeln.
Nach einer Nacht in Meinem kleinen, nach einer Nacht in Meinem feinen, nach einer Nacht in Meinem nur ganz wenigen Lieblingen zugänglich vertrauten, der sogenannten Öffentlichkeit hermetischst verbauten, von keinem jüdischen Reporter schon jemals erschauten, stets auskömmlichst, reichhaltigst, wohlst assortierten equipierten, mit sänftlichen Sonstdazugehörigkeiten ausstaffierten, nach Außen hin, sorgfältigst, klüglichst, peinlichst, umsichtigst maskierten geheimen, strengst diskreten “Hirschpark”, der niemand etwas angeht. Essen war … fabelhaft!
Lucullus - Vorgerichte: Henckell trocken; Echte Schildkrötensuppe; Rheinsalm mit Kaviartunke: Bernkastler Doktor; Lammrücken gerniert: Chateau Latour, premier vin, Schloßabzug; Helgoländer Hummernaufbau nach Admiralsart: Winkler Hasensprung; Rehziemer, altdeutsch: herrlicher, herber, granatblutroter Zwölfapostelwein; Poularde am Spieß gebraten, mit Weinbergswachteln umlegt: Pommery et Greno; Artischockenböden mit grünen Spargelspitzen; Eiskegel Nelusko; Früchte, Chesterstangen, Nachtisch.
In Meinem federnden Galawagen, Sechse lang, vorne drei wippende Spitzenreiter, hinter Mir, kerzengerade, zwei Leiblakaien, fahre, schwellpolsterschunkele, gummiräderrolle Ich unter jauchzendem, unter stürmischem, unter frenetischem Hände-, Hüte- und Taschentücher- Geschwenk, die Menge ehrfurchtsvoll, der Mob begeistert, durch Meine festlichst, durch Meine feierlichst, durch Meine pompös fahnenspalierte, girlandendekorierte, illuminierte, von Meiner Huld ganz entzückte, von meiner Gunst ganz beglückte, von Meiner Person, von meiner Erscheinung, von Meiner Herablassung wie verrückte, Mir und Meinem hohen, Mir und Meinem erlauchten, Mir und Meinem ruhmbeglänzten, ruhmbedeckten, ruhmbekränzten Hause schon seit alters her angestammte, von hunderttausend Lichterreihen durchflammte, dankbarst getreue, immer wieder von Mir aufs neue helmrandhoch durchgrüßte, immer jubelnder sich exaltierende, immer trubelnder Mich umgarnierende, Mir gratulierende, Mich bejauchzierende, Mich fetierende Reichshaupt-, Landeshaupt- und Hauptresidenzstadt.
… Feenhaft! … Kolossal! …
Leute haben sich angestrengt.
Plötzlich schnapsheiser, der Lümmel ist besoffen, aus der Hurra, Hurra, Hurra brüllenden Kanaille, auf der schwarzen, platten, speckschillerigen, kriegsveteranenbratenrockigen Proletenbrust noch die von Mir Allerhöchst eigenhändigst Selbst verliehene Tapferkeitsmedallie, mit einer Stimme daß es mir durch Mark und Bein gräst anerkennend, rülpsgrülpsgröhlend, überzeugt, durchdringendst, deutlichst, Silbe für Silbe schrecklichst verständlich, bis zu mir her, bis zu mir hin, bis zu mir hoch, bis zu mir rauf, bis über den ganzen Fahrdamm weg, alles starr, alles stier, alles stur, alles Stein:
“Det Aas hats jut!”
Unanjenehm.
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Interpretation
Das Gedicht "Unanjenehm" von Arno Holz ist eine scharfe satirische Kritik an der Selbstherrlichkeit und dem Größenwahn von Herrschern. Der Autor stellt die Geburtstagsfeierlichkeiten eines vermutlich fiktiven Herrschers dar, der von seinen Untertanen mit überbordendem Lob und Verehrung überhäuft wird. Das Gedicht zeigt die groteske Inszenierung von Macht und die blinde Anbetung des Herrschers durch seine "Bestie", das Volk. Holz beschreibt in drastischen Worten die pompöse Geburtstagsfeier, bei der der Herrscher in einem prachtvollen Wagen durch die Stadt fährt, umgeben von jubelnden Menschenmassen. Die übertriebene Lobhudelei und das künstliche Pathos werden durch die Wiederholung von Superlativen und die Aneinanderreihung von Titeln und Ehrenbezeichnungen verdeutlicht. Die satirische Überzeichnung macht deutlich, wie absurd und künstlich diese Inszenierung von Macht ist. Der Höhepunkt des Gedichts ist der abrupte Bruch der feierlichen Stimmung durch einen betrunkenen Mann aus dem Volk, der dem Herrscher mit den Worten "Det Aas hats jut!" begegnet. Diese unerwartete und derbe Bemerkung entlarvt die ganze Inszenierung als Farce und zeigt die Kluft zwischen dem Herrscher und seinem Volk. Der letzte Satz "Unanjenehm" unterstreicht die Verletzlichkeit und die Unfähigkeit des Herrschers, Kritik oder Widerspruch zu ertragen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schwellpolsterschunkele, gummiräderrolle
- Anapher
- Von Turm zu Turm, durch Stadt und Land, von Gau zu Gau
- Anspielung
- Lucullus
- Aufzählung
- Henckell trocken; Echte Schildkrötensuppe; Rheinsalm mit Kaviartunke
- Hyperbel
- von Meiner Person, von meiner Erscheinung
- Ironie
- Det Aas hats jut!
- Metapher
- mit einer Stimme daß es mir durch Mark und Bein gräst
- Personifikation
- die Glocken
- Symbolik
- Sechse lang, vorne drei wippende Spitzenreiter
- Titelanalyse
- Unanjenehm