Umbra Vitae

Georg Heym

1912

Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen Und sehen auf die großen Himmelszeichen, Wo die Kometen mit den Feuernasen Um die gezackten Türme drohend schleichen.

Und alle Dächer sind voll Sternedeuter, Die in den Himmel stecken große Röhren. Und Zaubrer, wachsend aus den Bodenlöchern, In Dunkel schräg, die einen Stern beschwören.

Krankheit und Mißwachs durch die Tore kriechen In schwarzen Tüchern. Und die Betten tragen Das Wälzen und das Jammern vieler Siechen, Und welche rennen mit den Totenschragen.

Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden, Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.

Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile, Die Haare fallen schon auf ihren Wegen, Sie springen, daß sie sterben, nun in Eile, Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen.

Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere Stehn um sie blind, und stoßen mit dem Horne In ihren Bauch. Sie strecken alle viere Begraben unter Salbei und dem Dorne.

(Das Jahr ist tot und leer von seinen Winden, Das wie ein Mantel hängt voll Wassertriefen, Und ewig Wetter, die sich klagend winden Aus Tiefen wolkig wieder zu den Tiefen.)

Die Meere aber stocken. In den Wogen Die Schiffe hängen modernd und verdrossen, Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.

Die Bäume wechseln nicht die Zeiten Und bleiben ewig tot in ihrem Ende Und über die verfallnen Wege spreiten Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.

Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben, Und eben hat er noch ein Wort gesprochen. Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben? Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.

Schatten sind viele. Trübe und verborgen. Und Träume, die an stummen Türen schleifen, Und der erwacht, bedrückt von andern Morgen, Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.

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Illustration zu Umbra Vitae

Interpretation

Das Gedicht *Umbra Vitae* von Georg Heym beschreibt eine apokalyptische Szenerie, in der die Menschheit von düsteren Vorzeichen und dem nahenden Tod heimgesucht wird. Die Menschen stehen in den Straßen und blicken fasziniert zu den Himmelszeichen empor, wo Kometen mit ihren "Feuernasen" bedrohlich um die Türme schleichen. Die Gesellschaft ist von Aberglauben und Angst geprägt, wie die Sternendeuter auf den Dächern und die Zauberer, die aus den Bodenlöchern kriechen und Sterne beschwören, zeigen. Die Atmosphäre ist von Krankheit, Tod und Verzweiflung durchdrungen. Die zweite Strophe schildert den allgegenwärtigen Tod, der durch die Tore kriecht und die Betten mit dem Wälzen und Jammern der Kranken füllt. Selbstmörder ziehen in nächtlichen Horden umher, gebückt und verzweifelt, auf der Suche nach ihrem verlorenen Wesen. Sie springen in den Tod, um dann leblos im Feld zu liegen, umgeben von blinden Tieren, die in ihren Leib stoßen. Die Natur selbst scheint erstorben, die Meere stocken, die Bäume bleiben ewig tot, und das Jahr hängt wie ein triefender Mantel voller ewigem Wetter. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über den Tod und das Leben danach. Wer stirbt, setzt sich noch einmal auf, um sich zu erheben, und hat vielleicht noch ein letztes Wort auf den Lippen, bevor er plötzlich verschwindet. Die Schatten und Träume, die an den Türen schleifen, und der schwere Schlaf, den der Erwachte von seinen grauen Lidern streifen muss, lassen eine Welt zurück, in der der Tod allgegenwärtig ist und das Leben nur noch ein Schatten seiner selbst.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Kometen mit den Feuernasen
Bildsprache
Und alle Dächer sind voll Sternedeuter
Hyperbel
Die Meere aber stocken
Kontrast
Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Metapher
Das Jahr ist tot und leer von seinen Winden
Personifikation
Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Symbolik
Totenschragen