Um Mitternacht

Friedrich Rückert

1825

Um Mitternacht Hab’ ich gewacht Und aufgeblickt zum Himmel; Kein Stern vom Sterngewimmel Hat mir gelacht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Hab’ ich gedacht Hinaus in dunkle Schranken; Es hat kein Lichtgedanken Mir Trost gebracht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Nahm ich in Acht Die Schläge meines Herzens; Ein einz’ger Puls des Schmerzens War angefacht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Kämpft’ ich die Schlacht O Menschheit deiner Leiden; Nicht konnt’ ich sie entscheiden Mit meiner Macht Um Mitternacht.

Um Mitternacht Hab’ ich die Macht In deine Hand gegeben: Herr über Tod und Leben, Du hältst die Wacht Um Mitternacht.

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Illustration zu Um Mitternacht

Interpretation

Das Gedicht "Um Mitternacht" von Friedrich Rückert beschreibt eine nächtliche Erfahrung, die von Einsamkeit, Dunkelheit und Schmerz geprägt ist. Der Sprecher wacht um Mitternacht auf und blickt zum Himmel, doch die Sterne lachen ihm nicht zu. Er denkt über die dunklen Grenzen des Lebens nach, doch kein Lichtgedanke bringt ihm Trost. Er spürt den Schlag seines Herzens und den Puls des Schmerzes in sich. Er kämpft gegen die Leiden der Menschheit, doch er kann sie nicht besiegen. Er gibt seine Macht in die Hand Gottes und bittet ihn, die Wache zu halten. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit angesichts der Unendlichkeit und Unergründlichkeit des Daseins. Der Sprecher fühlt sich allein und verlassen in der Nacht, ohne Hoffnung oder Erleuchtung. Er leidet unter dem Schmerz, der in ihm wohnt und der ihn am Leben hält. Er erkennt die Sinnlosigkeit seines Kampfes gegen das Schicksal und die Not der Welt. Er resigniert und übergibt sich der göttlichen Vorsehung, die über Leben und Tod waltet. Das Gedicht ist in fünf Strophen gegliedert, die jeweils mit dem Refrain "Um Mitternacht" beginnen und enden. Die Reime sind durchgehend paarweise angeordnet. Die Sprache ist einfach und klar, aber voller metaphorischer Bilder. Die Nacht symbolisiert die Dunkelheit des Geistes und der Seele, der Himmel die Ferne und Unerreichbarkeit des Göttlichen, die Sterne die Freude und Schönheit des Lebens, das Herz den Schmerz und die Leidenschaft, die Schlacht den Kampf und die Ohnmacht, die Macht die Kontrolle und die Verantwortung. Das Gedicht ist ein Ausdruck der religiösen Sehnsucht und der menschlichen Begrenztheit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Um Mitternacht
Apostroph
Herr über Tod und Leben, Du hältst die Wacht
Hyperbel
Nicht konnt' ich sie entscheiden Mit meiner Macht
Metapher
Kämpft' ich die Schlacht O Menschheit deiner Leiden
Personifikation
Es hat kein Lichtgedanken mir Trost gebracht