Um Mitternacht

Eduard Mörike

1827

Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand, Ihr Auge sieht die goldne Waage nun Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn; Und kecker rauschen die Quellen hervor, Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied, Sie achtet’s nicht, sie ist es müd; Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch. Doch immer behalten die Quellen das Wort, Es singen die Wasser im Schlafe noch fort Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage.

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Illustration zu Um Mitternacht

Interpretation

Das Gedicht "Um Mitternacht" von Eduard Mörike beschreibt die Stunde der Mitternacht als eine Zeit des Gleichgewichts und der Ruhe. Die Nacht steigt gelassen ans Land und lehnt träumend an der Berge Wand. Ihr Auge sieht die goldne Waage der Zeit in gleichen Schalen still ruhen, was auf die Ausgeglichenheit der Stunde hindeutet. Die Quellen rauschen kecker hervor und singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr vom Tag, vom heute gewesenen Tag. Dies symbolisiert den Übergang vom Tag zur Nacht und den ewigen Kreislauf der Zeit. Die Nacht hört das uralt alte Schlummerlied der Quellen, schenkt ihm jedoch keine Beachtung, da sie es müde ist. Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch, das flüchtge Stunden gleichgeschwungnes Joch. Die Nacht bevorzugt die Stille und die Ruhe des Himmels gegenüber dem Gesang der Quellen. Doch die Quellen behalten immer das Wort und singen im Schlafe weiter vom Tag, vom heute gewesenen Tag. Dies verdeutlicht die unaufhaltsame Vergänglichkeit der Zeit und den unaufhörlichen Lauf der Natur. Das Gedicht vermittelt eine meditative und nachdenkliche Stimmung. Es lädt den Leser ein, über die Vergänglichkeit der Zeit und die ewige Wiederkehr des Tages nachzudenken. Die Sprache ist bildhaft und metaphorisch, wobei die goldne Waage der Zeit und das flüchtge Stunden gleichgeschwungne Joch besonders eindrucksvoll sind. Die Wiederholung des Verses "Vom Tage, vom heute gewesenen Tage" am Ende jeder Strophe unterstreicht den ewigen Kreislauf der Natur und die Unaufhaltsamkeit der Zeit.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Vom Tage, Vom heute gewesenen Tage
Hyperbel
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch
Kontrast
Die ruhige Nacht und die kecker rauschenden Quellen
Parallelismus
Das uralt alte Schlummerlied... Sie achtet's nicht, sie ist es müd
Personifikation
Gelassen stieg die Nacht ans Land, Lehnt träumend an der Berge Wand