Überfliessende Himmel

Rainer Maria Rilke

1875

Überfliessende Himmel verschwendeter Sterne prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen, weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon, an dem endenden Antlitz, um sich greifend, beginnt der hin- reißende Weltraum. Wer unterbricht, wenn du dort hin drängst, die Strömung? Keiner. Es sei denn, daß du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung jener Gestirne nach dir. Atme. Atme das Dunkel der Erde und wieder aufschau! Wieder. Leicht und gesichtlos lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste nachtenthaltne Gesicht giebt dem deinigen Raum.

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Illustration zu Überfliessende Himmel

Interpretation

Das Gedicht "Überfließende Himmel" von Rainer Maria Rilke handelt von der Überwältigung durch die Unendlichkeit des Weltraums und der menschlichen Kümmernis im Angesicht dieser Größe. Der Dichter beschreibt die Sterne als verschwendet und prächtig über der Kümmernis, was die Unbedeutendheit des menschlichen Daseins im Vergleich zum Universum unterstreicht. Die Aufforderung, nicht in die Kissen zu weinen, sondern nach oben, deutet auf eine Hinwendung zum Kosmos als Ort der Trauer und des Trostes hin. Die zweite Strophe beschreibt den Beginn des "hinreißenden Weltraums" am weinenden und endenden Antlitz, was auf die Vergänglichkeit des Lebens und die Unausweichlichkeit des Todes hindeutet. Die Frage, wer die Strömung unterbricht, wenn man sich dem Weltraum nähert, betont die Unaufhaltsamkeit dieser Bewegung. Nur durch ein plötzliches Ringen mit der Richtung der Gestirne nach sich selbst kann man sich dieser Strömung widersetzen. Das Atmen der Dunkelheit der Erde und das Aufschauen wiederholt, symbolisiert den Wechsel zwischen der irdischen und der kosmischen Perspektive. Die letzte Strophe beschreibt die Tiefe, die sich von oben leicht und gesichtslos dem Menschen zuwendet. Das "gelöste nachtenthaltne Gesicht" gibt dem eigenen Gesicht Raum, was auf eine Verschmelzung von Selbst und Universum hindeutet. Das Gedicht endet mit der Idee, dass der Mensch durch die Konfrontation mit der Unendlichkeit des Weltraums seine eigene Endlichkeit und Bedeutungslosigkeit erkennt, aber auch eine Art von Trost oder Einheit mit dem Kosmos erfährt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Statt in die Kissen
Bildsprache
Um sich greifend, beginnt der hin- reißende Weltraum
Hyperbel
Die Strömung
Kontrast
Atme das Dunkel der Erde und wieder aufschau!
Metapher
Überfliessende Himmel verschwendeter Sterne
Personifikation
An dem weinenden schon, an dem endenden Antlitz
Symbolik
Das gelöste nachtenthaltne Gesicht