Überfliessende Himmel verschwendeter Sterne
prachten über der Kümmernis. Statt in die Kissen,
weine hinauf. Hier, an dem weinenden schon,
an dem endenden Antlitz,
um sich greifend, beginnt der hin-
reißende Weltraum. Wer unterbricht,
wenn du dort hin drängst,
die Strömung? Keiner. Es sei denn,
daß du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung
jener Gestirne nach dir. Atme.
Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau! Wieder. Leicht und gesichtlos
lehnt sich von oben Tiefe dir an. Das gelöste
nachtenthaltne Gesicht giebt dem deinigen Raum.
Überfliessende Himmel
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Überfliessende Himmel“ von Rainer Maria Rilke beschreibt eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Unendlichkeit, des Verlustes und der Auflösung des Selbst. Der Titel deutet bereits auf eine Überfülle, ein Überströmen des Himmels, was eine Atmosphäre von Weite und Unbegrenztheit schafft. Die ersten Zeilen etablieren ein Bild von verschwenderischen Sternen, die über der Kümmernis prangen. Hier wird sofort der Kontrast zwischen der erhabenen Schönheit des Himmels und der irdischen Not, der Kümmernis, deutlich. Die Aufforderung „weine hinauf“ deutet auf eine Sehnsucht nach Erlösung oder zumindest nach dem Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung.
Die folgenden Verse beschreiben den Übergang in einen Zustand der Auflösung. Das „endende Antlitz“ deutet auf den Verlust des Selbst und die Hinwendung zur Weite des Weltraums. Die Frage „Wer unterbricht, wenn du dort hin drängst, die Strömung?“ drückt die Unvermeidlichkeit dieses Prozesses aus. Es gibt kein Halten, keine Möglichkeit, sich der Sogkraft der Unendlichkeit zu entziehen. Die Zeile „daß du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung / jener Gestirne nach dir“ deutet auf einen Kampf mit dieser Auflösung, einen Widerstand gegen die alles verzehrende Kraft des Weltraums.
Die Aufforderung „Atme“ und „aufschau!“ bieten einen Anker in der Realität und eine Möglichkeit, sich der Situation zu stellen. Das Atmen symbolisiert die Lebenskraft und die Verbindung zur Erde, während das Aufschauen zum Himmel die Konfrontation mit der Unendlichkeit darstellt. Rilke beschreibt das Dunkel der Erde, welches geatmet werden soll, als Gegenpol zur Weite des Weltraums. Die Tiefe, „leicht und gesichtlos“, nähert sich dem lyrischen Ich, und das „gelöste / nachtenthaltne Gesicht“ verschafft Raum für die Erfahrung der Unendlichkeit.
Insgesamt ist das Gedicht eine Meditation über die menschliche Erfahrung der Unendlichkeit und des Verlustes. Es beschreibt den Übergang von irdischer Kümmernis in eine kosmische Weite, in der das Individuum sich auflöst und neu definiert. Die Sprache ist bildhaft und suggestiv, voller Metaphern und Anspielungen, die eine tiefe emotionale Wirkung erzeugen. Das Gedicht lädt den Leser ein, über die Grenzen des eigenen Selbst hinauszugehen und sich mit der Erfahrung der Unendlichkeit auseinanderzusetzen.
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