Über eine Leiche

Paul Fleming

1640

Wer jung stirbt, der stirbt wol. Wen Gott zu lieben pflegt, der wird in seiner Blüt’ in frischen Sand gelegt. Der Tod hält gleiches Recht. Wer hundertjährig stirbet, verweset ja so bald, als der, so jung verdirbet und besser stirbt als er. Ist der schon nicht so alt, so hat er ja auch nicht so viel und mannigfalt verletzet seinen Gott. Diß ists, das uns das Ende zu machen sauer pflegt, daß man nicht reine Hände und ein Gewissen hat, daß ihm nichts ist bewust als treue Redligkeit. Ein Junger stirbt mit Lust, weiß nicht, was Seelenangst und Herzensstöße heißen, die ärger als der Krebs nach frischer Seelen beißen und töten, eh’ der Tod uns noch die Sense beut und auf das kranke Fleisch aus vollen Kräften häut. Im Sterben findet sichs: wie Einer hat gelebet, so krankt, so stirbt er auch. Ein furchtsam Herze bebet und steht in steter Angst. Wer Gott zum Freunde weiß, dem macht kein Schrecken kalt, kein Trübsalsfeuer heiß. So stirbt ein junger Mensch. Was ists noch zu erzählen, mit was wir Alten sonst uns pflegen stets zu quälen, das uns bei Tage blaß, bei Nachte bange macht? Ein Ieder weiß für sich, wie, wo, was er verbracht, das jener große Tag soll an die Sonne bringen, dafür sich mancher scheut. Vor so dergleichen Dingen sind Kinder noch befreit. Drum, blasse Mutter, denkt, ob euch der harte Fall auch denn so billich kränkt, als wie ihr wol vermeint! Wem fromme Kinder sterben, der weiß, was er der Welt und Himmel läßt zu erben: der Erden zwar den Leib, als der sie Mutter heißt, und als sein Vaterrecht dem Himmel seinen Geist.

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Illustration zu Über eine Leiche

Interpretation

Das Gedicht "Über eine Leiche" von Paul Fleming behandelt das Thema des Todes und der Sterblichkeit. Es beginnt mit der Aussage, dass es gut sei, jung zu sterben, da Gott diejenigen, die er liebt, in ihrer Blütezeit in frischen Sand legt. Der Tod sei gerecht und kümmere sich nicht um das Alter des Verstorbenen. Der Sprecher argumentiert, dass ein junger Mensch, der stirbt, weniger gesündigt hat als ein alter Mensch und daher einen besseren Tod erleidet. Der Tod eines Jungen wird als rein und ohne Sünde dargestellt, während ein Alter mit einem belasteten Gewissen und vielen Sünden stirbt. Der zweite Teil des Gedichts beschäftigt sich mit der Sterbesituation. Ein junger Mensch stirbt mit Lust und ohne die Angst und den Schmerz, die ein Alter empfindet. Der Sprecher vergleicht die Angst und den Schmerz des Alters mit einem Krebs, der die Seele nach dem Leben beisst. Der Tod eines Jungen wird als friedlich und ohne Furcht dargestellt, während ein Alter in ständiger Angst lebt und stirbt. Der Sprecher betont, dass ein junger Mensch, der Gott als Freund kennt, keine Angst vor dem Tod hat und friedlich sterben kann. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher an die trauernde Mutter. Er tröstet sie damit, dass ein frommes Kind, das stirbt, der Welt und dem Himmel etwas hinterlässt. Der Körper des Kindes bleibt der Erde, seiner Mutter, und der Geist dem Himmel, seinem Vater. Der Sprecher versucht, der Mutter die Trauer zu erleichtern, indem er ihr sagt, dass der Tod des Kindes nicht umsonst war und dass es eine bessere Zukunft im Himmel gibt.

Schlüsselwörter

stirbt weiß gott jung wol pflegt tod ists

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Stilmittel

Hyperbel
der Tod hält gleiches Recht
Metapher
was er der Welt und Himmel läßt zu erben
Personifikation
Der Tod hält gleiches Recht