Über ein Stündlein
1924Dulde, gedulde dich fein! Über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne.
Über den First, wo die Glocken hangen, ist schon lange der Schein gegangen, ging in Türmers Fenster ein.
Wer am nächsten dem Sturm der Glocken, einsam wohnt er, oft erschrocken, doch am frühsten trifft ihn Sonnenschein.
Wer in tiefen Gassen gebaut, Hütt’ an Hüttlein lehnt sich traut, Glocken haben ihn nie erschüttert, Wetterstrahl ihn nie umzittert, aber spät sein Morgen graut.
Höh’ und Tiefe hat Lust und Leid. Sag ihm ab, dem törigen Neid: andrer Gram birgt andre Wonne.
Dulde, gedulde dich fein! Über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne.
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Interpretation
Das Gedicht "Über ein Stündlein" von Paul Heyse thematisiert die Vergänglichkeit von Leid und die Hoffnung auf bessere Zeiten. Es ermutigt dazu, geduldig zu sein, da sich die Umstände bald ändern können. Heyse veranschaulicht seinen Gedanken anhand von zwei kontrastierenden Wohnorten: Einerseits ein Haus in der Nähe der Glocken auf einem Hügel, andererseits ein Haus in einer tiefen Gasse. Der Bewohner des Hügelhauses erlebt zwar oft Schrecken durch den Sturm der Glocken, genießt aber auch als Erster den Sonnenschein. Im Gegensatz dazu ist der Bewohner der Gasse vor den Glocken und dem Wetter geschützt, muss aber länger auf den Morgen warten. Das Gedicht schließt mit der Erkenntnis, dass Höhen und Tiefen sowohl mit Leid als auch mit Lust verbunden sind. Es appelliert daran, den neidischen Gedanken aufzugeben, dass das Leid anderer auch ihre Freude bestimmt. Stattdessen soll man geduldig sein, denn schon bald wird sich die eigene Situation zum Besseren wenden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Dulde, gedulde dich fein! Über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne
- Gleichnis
- Wer am nächsten dem Sturm der Glocken, einsam wohnt er, oft erschrocken
- Kontrast
- Höh' und Tiefe hat Lust und Leid
- Metapher
- Über ein Stündlein ist deine Kammer voll Sonne
- Personifikation
- Glocken haben ihn nie erschüttert, Wetterstrahl ihn nie umzittert