Ueber die deutsche Dichtkunst

Jakob Michael Reinhold Lenz

1891

Hasch ihn, Muse, den erhabenen Gedanken - Es sind ihrer nicht mehr, Ihre Schwestern haben die Griechen und Römer Und die Hetrurier weggehascht, Und die meisten ergriffen die kühnen Britten, Und Shakespeare an ihrer Spitze, Und trugen sie alle fort wie der Sabiner sein Mädchen. Mancher brauchte sie zum andernmal, Aber sie waren nicht mehr Jungfraun.

O traure, traure Deutschland, Unglücklich Land! zu lange brach gelegen! Deine Nachbarinnen blühen um dich her voll Früchte Wie goldbeladne Hügel um einen Morast, Wie junge kinderreiche Weiber Um ihre älteste Schwester, Die alte Jungfer blieb.

O Homer, o Ossian, o Shakespeare, O Dante, o Ariosto, o Petrarcha, O Sophokles, o Milton, o ihr untern Geister - O ihr Pope, ihr Horaz, ihr Polizian, ihr Prior, ihr Waller! Gebt mir tausend Zungen für die tausend Namen, Und jeder Name ist ein kühner Gedanke - Ein Gedanke - tausend Gedanken Unsrer heutigen Dichter werth.

Deutschland, armes Deutschland, Die Kunst trieb kranke Stengel aus deinem Boden, Höchstens matte Blüthen, Die an den Aehren hingen vom Winde zerstreut, Und in der Hülse, wenn’s hoch kam, Zwei Körner Genie: Wenn ich dichte und - -

O ich schmeichelte mir viel, Als nur dunkles Morgenroth Von dem braunen Himmel um mich lachte. Junge Blume, so dacht’ ich, O was fühlst du für Säfte emporsteigen, Welche Blume wirst du blühen am Tage, Deutschlands Freude und Lieflands Stolz.

Als es aber Tag um mich ward, Kroch meine Blüthe voll Schaam zurück, Denn ich sah neben mir auf meinen Beeten Schwestern Mit wohlriechenden Busen düften, Mit bescheidener Röthe lächeln.

Aber als der Mittag nieder auf mich sah, Und ich auf benachbarten Beeten Fremder Blumen himmlische Zier Mit englischem Aushauch verbunden erblickte, Wunder den Augen, der Nase, den Sinnen, Süßes Wunder selbst dem stolzen kalten Verstande.

O da fühlt ich auf einem Sandkorn Stehn eine Wurzel, ein Regentropfe Seyn alle meine Säfte, ein Schmetterlingsflügelstäubchen Aller meiner Schönheit Zier! -

Nehmt sie an meine Zither Eichen von Deutschland und laßt von Petrarchen Einen Ton ihre schnarrenden Sayten berühren, Daß er mir ein Grablied singe -! Unberühmt will ich sterben, Will in ödester Wüste im schwarzen Thale mein Haupt hin Legen in Nacht, - kein Chor der Jünglinge soll um das Grab des Jünglings Tanzen, keine Mädchen Blumen darauf gießen, Kein Mensch soll drauf weinen Tränen voll Nachruhm, Weil ich so verwegen, - so tollkühn gewesen Weil auch ich es gewagt, zu dichten!

Und du, mein Genius, wenn Gott mich würdig hielt Einen mir zum Geleit zu geben, Schütze, treuer Gefährte des Lebens, Schütze mein einsames Grab, Daß kein Blick aus dem Reiche der Seeligen Von Shakespeares brennendem Auge, Oder dem düsterleuchtenden Auge Ossians, Oder dem rothblitzenden Auge Homers, Sich auf dasselbe verirre, Damit sich meine Asche im Grabe nicht empöre Für Schaam, daß auch ich einst wagte zu dichten!

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Illustration zu Ueber die deutsche Dichtkunst

Interpretation

Das Gedicht "Über die deutsche Dichtkunst" von Jakob Michael Reinhold Lenz ist eine leidenschaftliche und selbstkritische Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur im Vergleich zu den großen Werken der Weltliteratur. Lenz beklagt die vermeintliche Minderwertigkeit der deutschen Dichtkunst und ihre Unfähigkeit, mit den Meisterwerken anderer Nationen zu konkurrieren. Er verwendet eine Vielzahl von Metaphern und Anspielungen, um seinen Punkt zu verdeutlichen, wie zum Beispiel den Vergleich der deutschen Literatur mit einem unfruchtbaren Morast, umgeben von blühenden Hügeln, die die blühende Literatur anderer Länder repräsentieren. Lenz nennt eine Reihe von berühmten Dichtern und Schriftstellern aus verschiedenen Nationen, wie Homer, Shakespeare, Dante und Petrarcha, und bittet sie um tausend Zungen für tausend Namen, um die Größe ihrer Werke zu würdigen. Er fühlt sich von diesen literarischen Giganten überwältigt und fürchtet, dass seine eigenen Versuche zu dichten vergeblich und unwürdig sind. Die Metapher der Blume, die am Morgen aufblüht, aber am Tag verwelkt, symbolisiert seine eigene Unsicherheit und sein mangelndes Selbstvertrauen als Dichter. Trotz seiner Zweifel und Ängste bekennt sich Lenz zu seinem Wunsch zu dichten und akzeptiert die möglichen Konsequenzen. Er imaginiert sein einsames Grab in der Wüste, ohne Blumen oder Tränen der Trauer, als Strafe für seinen Wagemut. Er bittet sogar seinen Genius, sein Grab vor den Blicken der großen Dichter zu schützen, damit seine Asche sich nicht aus Scham erhebt. Das Gedicht endet mit einem bittersüßen Bekenntnis zur Kunst und zur menschlichen Kreativität, trotz der damit verbundenen Unsicherheit und Selbstzweifel.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Hyperbel
Daß kein Blick aus dem Reiche der Seeligen Von Shakespeares brennendem Auge, Oder dem düsterleuchtenden Auge Ossians, Oder dem rothblitzenden Auge Homers, Sich auf dasselbe verirre
Metapher
Einen Ton ihre schnarrenden Sayten berühren
Personifikation
Und du, mein Genius, wenn Gott mich würdig hielt Einen mir zum Geleit zu geben
Vergleich
Wie goldbeladne Hügel um einen Morast