Uber der Frantzosen und Teutschen Poesie

Christian Friedrich Hunold

1702

Budorgis und Pariß bemüthen sich/ den Preiß/ Den edlen Palmen-Zweig einander auszuwinden. Wo/ sprach Pariß/ wo ist ein Land/ das gleichen Fleiß Und gleiche Schönheit läßt in den Gedancken finden? Budorgis gab hierauf: so schön auch euer Geist/ So scheinet Phœbus doch mit gleich geneigten Strahlen Auf unser Vaterland/ und was ihr selten heist/ Kan unser Reichthum wohl an gleichen Wehrte zahlen. Wie? welcher Schimpf/ Pariß! ein unbekandtes Land (So prahlt′ es) darf sich wohl zu deiner Sonne wagen? Wem unsre Adler nicht/ sprach jenes/ wohl bekandt/ Der kan von ihrem Flug auch nichts gescheutes sagen. Ihr seyd in euch verliebt/ und untersuchet nicht/ Wie retn/ wie schön allhier der Musen Qvellen springen. Wie wieder die Natur bey uns kein Dichter spricht; Wie eure Sylben oft und Reimen übel klingen. Damit so zogen sie die Palmen hin und her/ Als Lindenstadt hierauf sich in das Mittel setzte. Hier sahe man sich um: es kam von ohngefehr/ Daß Meissen sich zugleich der Palmen würdig schätzte. Sein Linden-Zweig roch schön/ so kräfftig als beliebt. Ich aber kan den Streit hier nicht zu Ende führen. Denn weil es/ sprach Pariß/ bey euch auch Palmen giebt/ So sollen sie mich nur des Alters wegen zieren.

Ein junger Adler lernt so wohl als alte fliegen/ Drum bilde dir/ Pariß/ nichts mit dem Alter ein; Denn Teutschlands Morgenröth ist schon so hoch gestiegen/ Daß weil du untergehst/ so wird sie Sonne seyn.

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Illustration zu Uber der Frantzosen und Teutschen Poesie

Interpretation

Das Gedicht "Uber der Frantzosen und Teutschen Poesie" von Christian Friedrich Hunold ist eine Auseinandersetzung zwischen den französischen und deutschen Dichtern, symbolisiert durch Budorgis und Pariß, die um den "edlen Palmen-Zweig" konkurrieren. Budorgis verteidigt die deutsche Poesie, indem er argumentiert, dass das deutsche Vaterland ebenso talentierte Dichter hervorbringt und dass die französischen Kritiker ihre eigene Kunst überbewerten und die Qualität der deutschen Literatur nicht anerkennen. Hunold nutzt diese Diskussion, um die Stärken der deutschen Poesie hervorzuheben und die französische Überheblichkeit zu kritisieren. Die Einführung von Lindenstadt und Meissen in die Debatte symbolisiert die Neutralität und den wachsenden Einfluss der deutschen Literatur. Lindenstadt, als Vermittler, und Meissen, das sich als würdig erweist, den Palmen-Zweig zu tragen, repräsentieren die aufstrebende deutsche Kultur, die sich in der literarischen Welt behaupten kann. Die Metapher des "jungen Adlers", der ebenso gut fliegen kann wie der alte, deutet darauf hin, dass die deutsche Literatur, obwohl jünger, durchaus mit der etablierten französischen Poesie konkurrieren kann. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Zukunftsprognose für die deutsche Poesie, die als "Teutschlands Morgenröth" bezeichnet wird. Hunold deutet an, dass die deutsche Literatur auf dem Vormarsch ist und bald die französische Poesie überflügeln wird. Die Metapher der untergehenden Sonne für die französische Poesie und der aufgehenden Sonne für die deutsche Literatur unterstreicht den Übergang der literarischen Vorherrschaft und die Hoffnung auf eine neue Ära der deutschen Kultur.

Schlüsselwörter

pariß palmen sprach schön kan budorgis zweig land

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Stilmittel

Metapher
Denn Teutschlands Morgenröth ist schon so hoch gestiegen/ Daß weil du untergehst/ so wird sie Sonne seyn.
Personifikation
Wo/ sprach Pariß/ wo ist ein Land/ das gleichen Fleiß Und gleiche Schönheit läßt in den Gedancken finden?