Trutz, blanke Hans
1882Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren. Noch schlagen die Wellen da wild und empört, wie damals, als sie die Marschen zerstört. Die Maschine des Dampfers zitterte, stöhnte, aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte: Trutz, blanke Hans.
Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden, liegen die friesischen Inseln im Frieden. Und Zeugen weltenvernichtender Wut, taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut. Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten, der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten. Trutz, blanke Hans.
Im Ozean, mitten, schläft bis zur Stunde ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde. Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand, die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand. Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen, und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen. Trutz, blanke Hans.
Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen die Kiemen gewaltige Wassermassen. Dann holt das Untier tiefer Atem ein und peitscht die Wellen und schläft wieder ein. Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken, viel reiche Länder und Städte versinken. Trutz, blanke Hans.
Rungholt ist reich und wird immer reicher, kein Korn mehr faßt selbst der größte Speicher. Wie zur Blütezeit im alten Rom staut hier täglich der Menschenstrom. Die Sänften tragen Syrer und Mohren, mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren. Trutz, blanke Hans.
Auf allen Märkten, auf allen Gassen lärmende Leute, betrunkene Massen. Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich: “Wir trutzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!” Und wie sie drohend die Fäuste ballen, zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen. Trutz, blanke Hans.
Die Wasser ebben, die Vögel ruhen, der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen. Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn, belächelt der protzigen Rungholter Wahn. Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen. Trutz, blanke Hans.
Und überall Friede, im Meer, in den Landen. Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden: Das Scheusal wälzte sich, atmete tief und schloß die Augen wieder und schlief. Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen kommen wie rasende Rosse geflogen. Trutz, blanke Hans.
Ein einziger Schrei - die Stadt ist versunken, und Hunderttausende sind ertrunken. Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch, schwamm andern Tags der stumme Fisch. Heut bin ich über Rungholt gefahren, die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren. Trutz, blanke Hans?
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Interpretation
Das Gedicht "Trutz, blanke Hans" von Detlev von Liliencron beschreibt die Zerstörungskraft des Meeres und die menschliche Hybris gegenüber der Natur. Es beginnt mit einer Reise über den Ort Rungholt, der vor 500 Jahren durch eine Sturmflut unterging. Die Wellen schlagen noch immer wild und empört, als würden sie die Marschen zerstören. Das Meer wird als "blanke Hans" personifiziert und fordert die Menschen heraus. Das Gedicht beschreibt dann die friesischen Inseln, die vom Festland durch die Nordsee getrennt sind. Hier tauchen Halligen aus der Flut auf, Zeugen der zerstörerischen Macht des Meeres. Die Möwen streiten sich auf den Watten, und die Seehunde sonnen sich auf sandigen Flächen. Wieder fordert das Meer die Menschen heraus. Im dritten Teil des Gedichts wird ein Ungeheuer im Ozean beschrieben, das alle 100 Jahre aufwacht und gewaltige Wassermassen entlässt. Dabei ertrinken viele Menschen im Nordland, und reiche Länder und Städte versinken. Das Meer fordert die Menschen erneut heraus. Im vierten Teil des Gedichts wird Rungholt als reiche Stadt beschrieben, die täglich mehr Menschen anzieht. Syrer und Mohren tragen Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren. Die Menschen lachen über das Meer und fordern es heraus, doch das Ungeheuer lauert im Schlamm. Im fünften Teil des Gedichts herrscht Frieden überall, im Meer und auf dem Land. Doch plötzlich erwacht das Ungeheuer und atmet tief ein, bevor es wieder einschläft. Rasende Wellen kommen wie wilde Pferde geflogen. Im letzten Teil des Gedichts wird die Zerstörung beschrieben. Ein einziger Schrei, und die Stadt ist versunken. Hunderttausende ertrinken, und wo gestern noch Lärm und lustiges Treiben herrschte, schwimmt heute der stumme Fisch. Das Gedicht endet mit der Reise über Rungholt, das vor 500 Jahren unterging, und der Herausforderung des Meeres an die Menschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- blanke Hans
- Anapher
- Trutz, blanke Hans
- Hyperbel
- Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken
- Metapher
- schwamm andern Tags der stumme Fisch
- Personifikation
- der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen
- Vergleich
- das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen