Trübe Stunde

Ernst Stadler

1914

Im sinkenden Abend, wenn die Fischer in den Meerhäfen ihre Kähne rüsten, In der austreibenden Flut, die braunen Masten zitternd vor dem Wind – Seele, wirfst du zitternd dich ins Segel, gierig nach entlegnen Küsten, Dahin die Wunder deiner Nächte dir entglitten sind?

Oder bist du so wehrlos deiner Sterne Zwang verfallen, Daß dich ein irrer Wille nur ins Ferne, Uferlose drängt – Auf wilden Wassern schweifend, wenn die Stürme sich in deines Schiffes Rippen krallen, Und Nacht und Wolke endlos graues Meer und grauen Himmel mengt?

Und wütest du im Dunkel gegen dein Geliebtes und erwachst mit strömend tiefen Wunden, Das Auge matt, dein Blut verbrannt und deiner Sehnsucht Schwingen leer, Und siehst, mit stierem Blick, und unbewegt an deines Schicksals Mast gebunden Den Morgen glanzlos schauern überm Meer?

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Illustration zu Trübe Stunde

Interpretation

Das Gedicht "Trübe Stunde" von Ernst Stadler beschreibt die seelische Verfassung des lyrischen Ichs in einer melancholischen Stunde des Abends. Es vergleicht die Seele mit einem Schiff, das sich in die Ferne treiben lässt, getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht nach entlegenen Küsten und Wundern, die ihr entglitten sind. Die Seele wird als gierig und zitternd dargestellt, die sich ins Segel wirft und von den Sternen in die Irre getrieben wird. Die zweite Strophe vertieft das Bild des Schiffes auf wilden Wassern. Die Seele wird als wehrlos und ihrem Sternenzwang verfallen dargestellt, die von einem irren Willen ins Ferne, Uferlose getrieben wird. Die Stürme klammern sich in die Rippen des Schiffes, und Nacht und Wolke vermischen sich zu einem endlos grauen Meer und Himmel. Die Seele wird als wütend im Dunkeln gegen ihr Geliebtes dargestellt und erwacht mit strömenden tiefen Wunden. Das Auge ist matt, das Blut verbrannt und die Sehnsucht leer. Die letzte Strophe beschreibt den Morgen, der glanzlos über dem Meer schauert. Das lyrische Ich ist mit stierem Blick an das Schicksal gebunden und sieht den Morgen unbewegt an. Die Seele ist erschöpft und leer, und die Sehnsucht ist erloschen. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Resignation und des Verlustes.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
Den Morgen glanzlos schauern überm Meer
Hyperbel
Nacht und Wolke endlos graues Meer und grauen Himmel mengt
Metapher
an deines Schicksals Mast gebunden
Personifikation
wilden Wassern schweifend