Trost

Maria Janitschek

1895

Es war ein Mensch voll derber Muskelkraft, voll steten Hungers, heißer Phantasie, voll übermütigen Trotzes, wie sie Stärke erzeugt in dem robust Gesunden.

Dieser beging im Tage siebenmal so viel Sünden als ein Gerechter. Mit der starken Faust zerhieb er seines Nachbars Zaun und nahm sich aus dessen Garten alle leckern Früchte, die ihm gefielen.

Störte ihn ein Zweiter bei einer seiner Tollheiten, so schlug er ihn kurz entschlossen nieder. Dieser Wilde erkrankte einst.

In langen Fiebernächten, wenn bei der Lampe Schein die Wärterin mit halbgeschlossnen Augen schweigend träumte, da ging ein Schlürfen, Schreiten, heimlich Schleichen durchs Zimmer hin, und halbvermummt erschienen all die Verbrechen, die er einstens frevelnd begangen hatte. Rotverschleiert trat der Mord zu ihm und fletschte seine Zähne, der Raub kroch wie ein großer schwarzer Hund am Boden hin und zog an seiner Decke, die Prasserei, ein eklig feistes Weib, trat an sein Bett mit halbverwesten Speisen, in dunkler Eisenrüstung starrt ein Ritter mit bleichem Totenkopf ihn an: der Haß.

Und viele andre kamen noch herbei aus allen Ecken. Schweißgebadet lag der Kranke da und stöhnte; doch sie ließen nicht von ihm, grinsend lagerten sie sich an seiner Seite hin und sahn ihn an.

Und eines Nachts erhob er sich im Bette mit Augen, die zwei Krallen glichen, die sich wehren wollen vor Entsetzlichem.

»Ich sterbe … dort … die rote Hölle … dort … sie thut sich rauchend auf … schon lecken Flammen nach mir mit tausend Zungen … Hülfe, Hülfe!«

Da legt sich eine Hand wie weißes Licht, das sich zur Form verdichtet, sanft und stillend dem Todesangstergriffnen auf die Brust.

»Vergeltung lebt nur, sie hat dich in ihren heißen Feuern schon geläutert; drüben giebts nur Frieden, keine Hölle«.

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Illustration zu Trost

Interpretation

Das Gedicht "Trost" von Maria Janitschek erzählt die Geschichte eines starken und ungestümen Menschen, der durch seine sündhafte Lebensweise und seine Gewalttätigkeit auffällt. Der Protagonist begeht zahlreiche Verbrechen und Missetaten, wie das Zerstören von Zäunen, das Stehlen von Früchten und das Niederschlagen von Personen, die ihn bei seinen Taten stören. Doch eines Tages erkrankt er schwer und muss im Bett liegen, wo er von Fieberträumen und Halluzinationen geplagt wird. In seinen Fiebernächten erscheinen ihm die Verkörperungen seiner begangenen Sünden und Verbrechen als groteske Gestalten, die ihn quälen und bedrohen. Mord, Raub, Prasserei und Hass nehmen in verschiedenen Formen Gestalt an und lassen den Kranken nicht zur Ruhe kommen. In seiner Todesangst glaubt er, in die Hölle zu kommen und um Hilfe zu rufen. Doch in seiner größten Not erscheint ihm eine weiße, sanfte Hand, die sich wie ein Licht auf seine Brust legt. Eine Stimme spricht zu ihm und verspricht ihm Trost und Erlösung. Die Vergeltung habe ihn bereits in den Feuern der Hölle geläutert und jenseits des Todes erwarte ihn nur noch Frieden, keine Hölle mehr. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf Erlösung und inneren Frieden für den sündigen Protagonisten.

Schlüsselwörter

voll hin augen trat hölle hülfe mensch derber

Wortwolke

Wortwolke zu Trost

Stilmittel

Alliteration
Schlürfen, Schreiten, heimlich Schleichen
Anapher
Und viele andre kamen noch herbei aus allen Ecken.
Enjambement
Es war ein Mensch voll derber Muskelkraft, voll steten Hungers, heißer Phantasie, voll übermütigen Trotzes, wie sie Stärke erzeugt in dem robust Gesunden.
Symbolik
die rote Hölle, tausend Zungen
Vergleich
der Raub kroch wie ein großer schwarzer Hund