Traurige Nachtklage
1934Hin ist der Tag, die Nacht bricht an, Man siehet schon die Sternlein schimmern; Itz schau′ ich, was die Venus kan Und wie der Mond beginnt zu glimmern; Die ganze Welt ligt in der Ruh, Es schläft der Mensche mit den Thieren, Kein Vogel hört man tireliren; Allein ich thu′ kein Auge zu.
Ich geh′ ins weite Feld hinein, Mit tausend Lichtern überstralet, Und sehe, wie des Monden Schein Den Erdenkreiß im Dunklen malet; Es ist doch alles trefflich stil, Ich höre nichts als Frösche schreien, Kan doch von Unmut nicht befreien Mein Herz, das ganz zerspringen wil.
Ich sehe bei dem Mondenlicht Die Hütten meiner Schäferinnen, Die mir zu Liebe wachet nicht Und dennoch zwinget meine Sinnen; Sie machet mich der Schmerzen vol Und weiß doch selber nicht von Schmerzen; Ich leide Qual in meinem Herzen, Sie aber ruhet sanft und wol.
Sie hat der zarten Hände Schnee Fein kreuzweis auf der Decke ligen, Das weiß ich, ob ichs gleich nicht seh′, Auch mich nicht darf zu ihr verfügen; Sie blaset eine süße Luft Aus ihrem rosenfarben Munde; Ich aber fühle diese Stunde, Wie mir mein Herz vor Aengsten pufft.
Der Augen Blitz verbirgt sich zwar, Dieweil ihr′ Häublein sich geschlossen, Und gleichwol werden mit Gefahr Viel starker Pfeil′ heraus geschossen; Mein Lieb schont auch im Schlafe nicht: Sie ruhet und kan doch im Schweigen Mir Armen solche Stärk′ erzeigen, Daß mir mein Herz dadurch zerbricht.
Mein′ Hirtin siehet zwar im Traum Den armen Dafnis vor ihr schweben Sehr hochbetrübt und wil doch kaum Ein freundlich Wort demselben geben. Ach, Schönste, merk auch meine Pein, Kan ich dich wachend nicht bewegen, So laß mich, wenn du dich must legen Und lieblich träumest, bei dir sein.
Wirf dich herüm und kehre doch Dein Antlitz gegen mich Verliebten. Ach, Allerschönste, schläfst du noch, Vernimmst du nicht mich Hochbetrübten? Nein, nein, ich bin zu weit von dir, Unmüglich ist es, dich zu sehen. Wie? kan es denn auch nicht geschehen, Ein Seufzerlein zu senden mir?
Du heller Mond, zieh′ mich hinauf Und laß mich dir zur Seiten schweben. Was gilts, du hemmest bald den Lauf, Wenn ich dir zeige dort mein Leben! Du stralest recht auf ihr Gezelt. Ach, küsse nicht die Purpurwangen, Nur schaue doch im Schlafe prangen Das schönste Bild der ganzen Welt.
Was sagst du? komm′ ich nicht zu dir? Nein, nein, du wilt allein betrachten Der Florabellen Wunderzier, Du wilt an ihrer Brust benachten. Ach, daß ich nicht der Mond kan sein! Ich wolt′ in deinem Zimmer bleiben, Mein Lieb, es solte mich vertreiben Kein Schlaf noch klarer Sonnenschein.
Hilft denn mein Wünschen nirgends zu, Darf ich mich länger hier nicht säumen, So wil ich dich in stiller Ruh Auf deinem Lager lassen träumen. Du wertes Hüttlein, gute Nacht, Ich gehe durch die Wälder klagen. Ach, Florabella, laß mirs sagen, Wenn du mit Freuden bist erwacht.
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Interpretation
Das Gedicht "Traurige Nachtklage" von Joachim Ringelnatz ist ein bewegendes Werk, das die Einsamkeit und Sehnsucht des lyrischen Ichs in der Nacht zum Ausdruck bringt. Die Stimmung ist von Anfang an melancholisch, da der Tag zu Ende geht und die Nacht hereinbricht. Die Natur wird als ruhig und friedlich beschrieben, während das lyrische Ich allein und unruhig ist. Die Venus und der Mond werden als Symbole für Schönheit und Sehnsucht dargestellt, die das lyrische Ich in seiner Einsamkeit umgeben. Im zweiten Teil des Gedichts beschreibt das lyrische Ich seinen Spaziergang durch das nächtliche Feld, das von tausend Lichtern erhellt wird. Die Ruhe der Natur wird durch das Quaken der Frösche gestört, was die Unruhe des lyrischen Ichs widerspiegelt. Die Sehnsucht nach der Geliebten, die in ihrer Hütte schläft, wird immer stärker. Das lyrische Ich fühlt sich von ihr angezogen, obwohl sie seine Qualen nicht kennt. Im letzten Teil des Gedichts wird die Geliebte als schlafende Schönheit beschrieben, die das lyrische Ich aus der Ferne bewundert. Die Sehnsucht nach ihr wird immer intensiver, und das lyrische Ich wünscht sich, in ihrer Nähe zu sein. Es fleht den Mond an, es zu ihr zu bringen, aber der Mond bleibt unerreichbar. Das lyrische Ich resigniert schließlich und beschließt, die Geliebte in Ruhe zu lassen und durch die Wälder zu klagen. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, dass die Geliebte beim Erwachen an ihn denkt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Abschied
- Du wertes Hüttlein, gute Nacht
- Alliteration
- Ich höre nichts als Frösche schreien
- Apostrophe
- Du heller Mond, zieh′ mich hinauf
- Bildsprache
- Mit tausend Lichtern überstralet
- Hyperbel
- Mein Herz, das ganz zerspringen wil
- Kontrast
- Sie ruhet und kan doch im Schweigen mir Armen solche Stärk′ erzeigen
- Metapher
- Die ganze Welt ligt in der Ruh
- Personifikation
- Man siehet schon die Sternlein schimmern
- Wunschdenken
- Ach, daß ich nicht der Mond kan sein!