Traumbrücke
1932Über die Tage, über die hellen, Wenn sie der Abend verdunkelt hat, Schießen die langen, schießen die schnellen Brücken des Traumes von Stadt zu Stadt.
Über die Wälder, über die Meere Wölbt sich mitternächtig ihr Flug, Weit wie der Wolken schweifende Heere, Breit wie der Vögel wandernder Zug,
Vogelgleich, wolkenhaft, ohne Entgleiten, Denn ihre Pfeiler stehn nahe bewahrt; Aber die Ufer, aber die Weiten Ziehn sich entgegen in rasender Fahrt:
Und es hebt sich zu der Spieluhr Leisem Gang die Schlange weiß, Die aus Königsgräbern auffuhr In dem blitzgebahnten Gleis.
Und es schnellen tausendfachen Winkes Götter Arm um Arm, Von den Schalen, alten, flachen Nährt sich ihrer Finger Schwarm.
Und es schwimmen nahe Wände Fort in Urwald und Gestade, Drinnen schlingen ohne Ende Sich die vielbegangnen Pfade.
Unverhaltbar müssen spalten Munde sich in langen Schrein Und es brechen die Gestalten, Die befreiten, in sich ein.
Aber beim Scheine des Morgens beschlugen Sich die Gesichter mit Ferne und Licht, Und die sich töteten und die sich trugen, Liegen allein und erkannten sich nicht.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Traumbrücke" von Maria Luise Weissmann beschreibt eine nächtliche Reise durch Träume, bei der Brücken die Städte verbinden und über Wälder und Meere führen. Die Traumbrücken werden als schnell und weit beschrieben, vergleichbar mit wandernden Wolken und Vögeln. Sie sind stabil und sicher, während die Landschaften sich in rasender Fahrt entgegenziehen. In der zweiten Strophe wird die surreale Natur der Träume betont. Eine weiße Schlange erhebt sich zum Klang einer Spieluhr, und Götter mit tausendfachen Winken erscheinen. Die Umgebung ist voller geheimnisvoller Gestalten und Pfade, die sich endlos schlingen. Münder spalten sich in lange Schreine, und befreite Gestalten brechen in sich ein. Im letzten Strophenabschnitt wird der Traum durch das Licht des Morgens beendet. Die Gesichter werden von Ferne und Licht beschlugen, und die Menschen, die sich getötet oder getragen haben, liegen allein und erkennen sich nicht mehr. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Isolation und des Verlusts der Identität nach dem Erwachen aus dem Traum.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Nährt sich ihrer Finger Schwarm
- Bildsprache
- Und es schwimmen nahe Wände Fort in Urwald und Gestade
- Enjambement
- Unverhaltbar müssen spalten / Munde sich in langen Schrein
- Hyperbel
- Und es schnellen tausendfachen Winkes Götter Arm um Arm
- Kontrast
- Und die sich töteten und die sich trugen, Liegen allein und erkannten sich nicht
- Metapher
- Brücken des Traumes von Stadt zu Stadt
- Personifikation
- Wölbt sich mitternächtig ihr Flug
- Symbolik
- Schlange weiß, die aus Königsgräbern auffuhr
- Vergleich
- Vogelgleich, wolkenhaft