Traum
1725Damon! hier in diesen grünen Grotten, Wo die Zephyrs sich vertraulich küssen, Und verliebte Vögel zärtlich scherzen, Wünscht ich sehnlich, dich bey mir zu sehen: Und sogleich schloß mir der Schlaf die Augen; Und der süßen Träume listiges Schmeicheln Suchte mich von neuem zu vergnügen. Laß dir einen solchen Traum erzählen, Meinen besten Traum, so lang ich träume: Bacchus saß dort trunken in der Hecke; Sahe mich von ferne einsam sitzen; Wies mir lächelnd seinen vollen Becher; Und rief heiser, und mit schwerer Zunge: Höre, Mägdchen! was für schwarze Sorgen Schwärmen da, auf deiner jungen Stirne? Willst du nicht von diesem Safte trinken? Nimm und trink! Dann wirst du freudig lachen! Dann wird Kummer, Gram und Sorge weichen! Als mir Bacchus so den Becher reichte; Nahm ich ihn und wollte eben trinken: Doch ich sah gleich hinterm Vater Bacchus Venus Sohn, mit seinem schlimmen Bogen, Und er zielte schon nach meinem Herzen; Und er dräuete, mich zu verwunden. Schreckhaft ließ ich drauf den Becher sinken! Gleich verschwand mein Traum. Noch bin ich durstig. Hätt ich wenigstens nur erst getrunken. Hätt ich wenigstens nur drey und neunmal Den verwünschten Becher ausgetrunken!
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Interpretation
Das Gedicht "Traum" von Johanna Charlotte Unzer erzählt von einer Traumvision, in der die Sprecherin in einer idyllischen Naturlandschaft von Bacchus, dem Gott des Weins, angesprochen wird. Bacchus bietet ihr einen vollen Becher an, um ihre Sorgen zu vertreiben und sie zum Lachen zu bringen. Die Sprecherin ist zunächst versucht, den Wein zu trinken, doch dann erblickt sie den Liebesgott Amor, der mit seinem Bogen auf ihr Herz zielt. Dieses Bild erschreckt sie so sehr, dass sie den Becher fallen lässt und der Traum endet. Das Gedicht thematisiert die Ambivalenz von Liebe und Wein als mögliche Quellen der Freude, aber auch der Gefahr. Bacchus' Angebot symbolisiert die Versuchung, durch Rausch und Vergessen dem Kummer zu entfliehen. Doch die Sprecherin erkennt, dass die Liebe, repräsentiert durch Amor, eine ebenso tiefe Verletzlichkeit birgt. Der Traum endet abrupt, als sie vor dieser Erkenntnis zurückschreckt, und sie bleibt mit einem Gefühl der Unbefriedigung und des Verlangens zurück. Der Schluss des Gedichts, in dem die Sprecherin wünscht, sie hätte den Wein getrunken, deutet auf einen Konflikt zwischen dem Wunsch nach emotionaler Betäubung und der Angst vor den Konsequenzen hin. Es bleibt unklar, ob die Ablehnung des Weins letztendlich als weise oder als verpasste Gelegenheit zur Erleichterung zu werten ist. Das Gedicht vermittelt eine Stimmung der Sehnsucht und der Unentschiedenheit angesichts der menschlichen Leidenschaften.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- verliebte Vögel zärtlich scherzen
- Allusion
- Bacchus
- Bildsprache
- grünen Grotten
- Personifikation
- Wo die Zephyrs sich vertraulich küssen
- Reim
- küssen - scherzen