Trauerspiel
1930Der Tiger schreitet seine Tagesreise Viel Meilen fort. Zuweilen gegen Abend nimmt er Speise Am fremden Ort.
Die Eisenstäbe, alles, was dahinter Vergeht und säumt, Ist Schrei und Stich und frostig fahler Winter Und nur geträumt.
Er gleitet heim: und mußte längst verlernen, Wie Heimat sprach. Der Käfig stutzt und wittert sein Entfernen Und hetzt ihm nach.
Er flackert heller aus dem blinden Schmerze, Den er nicht nennt, Nur eine goldne rußgestreifte Kerze, Die glitzernd sich zu Tode brennt.
Anhören
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Trauerspiel" von Gertrud Kolmar beschreibt das Leben eines Tigers in Gefangenschaft. Der Tiger durchwandert seinen Tag, legt viele Meilen zurück und nimmt gelegentlich am Abend Nahrung an einem fremden Ort zu sich. Die Umgebung des Tigers, symbolisiert durch die Eisenstäbe, erscheint ihm als Schrei, Stich und frostiger Winter – etwas, das nur geträumt ist und ihm keine wirkliche Heimat bietet. Der Tiger hat längst verlernt, wie Heimat klingt, da er in seinem Käfig gefangen ist. Der Käfig selbst scheint zu spüren, dass der Tiger ihn verlassen möchte, und verfolgt ihn. Trotz des blinden Schmerzes, den der Tiger nicht benennen kann, brennt er wie eine goldene, rußgestreifte Kerze, die glitzernd sich zu Tode brennt. Das Gedicht vermittelt die Traurigkeit und das Leid des Tigers in Gefangenschaft und die Sehnsucht nach Freiheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Die Beschreibung des Tigers als 'goldne rußgestreifte Kerze' erzeugt ein starkes visuelles Bild
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen dem 'fremden Ort' und der 'Heimat', die der Tiger 'verlernen' musste
- Metapher
- Der Tiger wird als 'goldne rußgestreifte Kerze' beschrieben, die 'glitzernd sich zu Tode brennt'
- Personifikation
- Der Käfig 'stutzt und wittert sein Entfernen' und 'hetzt ihm nach'
- Symbolik
- Die 'Eisenstäbe' symbolisieren die Begrenzung und Gefangenschaft