Tränen, Tränen, die aus mir brechen
Paris, Spätherbst 1913
Tränen, Tränen, die aus mir brechen,
Mein Tod, Mohr, Träger
meines Herzens, halte mich schräger,
daß sie abfließen. Ich will sprechen
Schwarzer, riesiger Herzhalter.
Wenn ich auch spräche,
glaubst du denn, dass das Schweigen bräche?
Wiege mich, Alter.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Tränen, Tränen, die aus mir brechen“ von Rainer Maria Rilke, entstanden im Spätherbst 1913 in Paris, ist ein kurzer, intensiver Ausdruck von Verzweiflung und Sehnsucht nach Trost. Es zeichnet sich durch eine direkte, fast flehentliche Ansprache an eine imaginäre, dunkelhäutige Figur, genannt „Mohr“ und „Schwarzer“. Diese Anrede evoziert ein Bild von Intimität und Vertrautheit, als würde sich der Dichter in tiefster Not an einen treuen Diener oder eine verlässliche Bezugsperson wenden. Der Fokus liegt auf der emotionalen Auflösung, dem Fluss der Tränen als Ausdruck tiefen Leids.
Die Bildsprache des Gedichts ist von einer starken Symbolik geprägt. Die Tränen, die „aus mir brechen“, repräsentieren den Schmerz und die Unfähigkeit, diesen allein zu bewältigen. Der „Mohr“ fungiert als Stellvertreter, als Träger der Last des Herzens. Die Bitte, den Dichter „schräger“ zu halten, damit die Tränen abfließen können, deutet auf ein Bedürfnis nach Entlastung und Befreiung von der emotionalen Last. Das „Abfließen“ der Tränen wird hier zum Akt der Reinigung und des Loslassens. Die Verwendung von „Tod, Mohr, Träger meines Herzens“ verstärkt die düstere Stimmung und unterstreicht die existentielle Schwere der Gefühlslage.
Der zweite Teil des Gedichts nimmt die Interaktion mit dem „Mohr“ auf und thematisiert die Grenzen der Sprache. Die Frage „Wenn ich auch spräche, / glaubst du denn, dass das Schweigen bräche?“ legt nahe, dass Worte allein nicht ausreichen, um das Ausmaß des Leids auszudrücken oder zu lindern. Das Schweigen, das hier thematisiert wird, könnte für die Unaussprechlichkeit des Schmerzes oder die Unfähigkeit, die tiefe Trauer zu kommunizieren, stehen. Die Zeile offenbart eine gewisse Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, in der eigenen Verzweiflung gefangen zu sein.
Die abschließende Bitte „Wiege mich, Alter“ ist ein eindringlicher Appell nach Geborgenheit und Trost. Der „Alter“ repräsentiert hier eine Figur von Weisheit, Erfahrung und Ruhe. Es ist ein Wunsch nach einem sicheren Ort, nach körperlicher Nähe und Geborgenheit, die helfen kann, das Leid zu lindern. Das Wiegen symbolisiert die Sehnsucht nach einer Rückkehr in einen Zustand der Unbeschwertheit und der Geborgenheit, in dem der Schmerz für einen Moment ruhen kann. Das Gedicht spiegelt somit eine tiefe existenzielle Verzweiflung wider, verbunden mit dem instinktiven Wunsch nach Trost und Zuneigung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.