Totenwache

Hedwig Lachmann

1865

Das Grab hielt dich die erste Nacht. Mein Herz drang zu dir in die Erde, In seiner Kümmernis bedacht, Ob nichts die Ruhe dir gefährde.

Es stürmte. Wilder Regen brach, Von Ungewittern losgerissen, Mit jähen Stürzen auf mein Dach Und rauschte in den Finsternissen.

Ich lauschte angstvoll und gepresst: Wie, wenn im Zwang der Grabeswände Ein letzter, allerletzter Rest Gebannten Lebens noch empfände?

Wenn von der Erde Aufruhr, drin Der Sturm entfesselt schlägt die Schwinge, Ein schattenhafter letzter Sinn Die ferne Botschaft noch empfinge?

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Illustration zu Totenwache

Interpretation

Das Gedicht "Totenwache" von Hedwig Lachmann handelt von einer trauernden Person, die in der ersten Nacht nach dem Tod eines geliebten Menschen Wache am Grab hält. Das lyrische Ich sorgt sich um die Ruhe des Verstorbenen und befürchtet, dass der Sturm und der Regen die friedliche letzte Ruhestätte stören könnten. Die Naturgewalten werden als bedrohlich und beängstigend beschrieben, was die innere Unruhe und Verzweiflung des Trauernden widerspiegelt. In der zweiten Strophe lauscht das lyrische Ich angsterfüllt und angespannt auf die Geräusche des Sturms. Es stellt sich die Frage, ob der Verstorbene noch einen Rest von Leben in sich fühlen könnte, eingeschlossen in den engen Wänden des Grabes. Die Vorstellung, dass der Tote noch etwas von der Außenwelt wahrnehmen könnte, verstärkt die emotionale Anspannung und das Gefühl der Hilflosigkeit des Trauernden. Die letzte Strophe beschreibt die Hoffnung des lyrischen Ichs, dass der Sturm und der Aufruhr der Erde eine letzte, schattenhafte Empfindung im Toten wecken könnten. Die "ferne Botschaft" könnte sich auf die Geräusche des Sturms beziehen, die bis ins Grab dringen. Das Gedicht vermittelt auf eindringliche Weise die tiefe Trauer und die quälenden Gedanken, die einen in der ersten Nacht nach dem Verlust eines geliebten Menschen plagen können.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Stürmte. Wilder Regen
Bildsprache
Wilder Regen brach, Von Ungewittern losgerissen
Hyperbel
Ein letzter, allerletzter Rest
Kontrast
In seiner Kümmernis bedacht, Ob nichts die Ruhe dir gefährde
Metapher
Das Grab hielt dich die erste Nacht
Personifikation
Mein Herz drang zu dir in die Erde
Rhetorische Frage
Wie, wenn im Zwang der Grabeswände Ein letzter, allerletzter Rest Gebannten Lebens noch empfände?
Symbolik
Die Erde Aufruhr, drin Der Sturm entfesselt schlägt die Schwinge